Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zeigt sich weiter kämpferisch. In einem Gespräch mit der BBC in Kiew erklärte er, die Ukraine werde den Krieg nicht verlieren – im Gegenteil, sie werde siegreich daraus hervorgehen. Zugleich warnte er eindringlich: Wladimir Putin habe faktisch bereits den Dritten Weltkrieg begonnen und müsse gestoppt werden.
„Ich glaube, Putin hat ihn schon begonnen“, sagte Selenskyj. „Die Frage ist, wie viel Territorium er noch erobern kann – und wie wir ihn aufhalten.“ Russland versuche, der Welt eine andere Lebensweise aufzuzwingen und die frei gewählten Lebensrealitäten anderer Länder zu zerstören.
Keine Gebietsabtretungen für Waffenruhe
Ein zentrales Thema des Interviews war Russlands Forderung, die Ukraine solle die noch nicht vollständig eroberten Teile der Region Donezk sowie weitere Gebiete in Cherson und Saporischschja abtreten, um eine Waffenruhe zu erreichen.
Für Selenskyj ist das inakzeptabel. Es gehe nicht nur um Land, sondern um Menschen. Ein Rückzug würde Hunderttausende Ukrainer im Stich lassen und die Gesellschaft spalten, betonte er. Zudem zweifelt er daran, dass Putin sich mit territorialen Zugeständnissen zufriedengeben würde. Ein Waffenstillstand würde Moskau lediglich Zeit verschaffen, um militärisch neue Kräfte zu sammeln.
„Er braucht eine Pause“, sagte Selenskyj. „Unsere europäischen Partner sagen, Russland könnte sich in drei bis fünf Jahren erholen. Ich glaube, es dauert höchstens ein paar Jahre. Und wohin er dann geht, wissen wir nicht. Aber dass er weitermachen will, ist eine Tatsache.“
Was bedeutet Sieg?
Auf die Frage, wie ein ukrainischer Sieg aussehen würde, antwortete Selenskyj zweigleisig. Kurzfristig bedeute Sieg, das Töten zu beenden und den Menschen ein normales Leben zu ermöglichen. Langfristig gehe es jedoch um mehr: um die Verteidigung der Unabhängigkeit der Ukraine und um globale Sicherheit.
„Putin wird nicht bei der Ukraine haltmachen“, sagte er. „Ihn jetzt zu stoppen und die Besetzung unseres Landes zu verhindern, ist ein Sieg für die ganze Welt.“
Langfristig strebe die Ukraine die Rückkehr zu den Grenzen von 1991 an, also zum Staatsgebiet bei der Unabhängigkeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. Das sei nicht nur ein politisches Ziel, sondern eine Frage der Gerechtigkeit. Gleichzeitig räumte Selenskyj ein, dass eine sofortige militärische Rückeroberung aller Gebiete enorme Menschenverluste bedeuten würde – und derzeit weder ausreichend Soldaten noch Waffen zur Verfügung stünden.
„Was ist Land ohne Menschen? Ehrlich gesagt, nichts“, sagte er.
Verhältnis zu Trump
Mit Blick auf US-Präsident Donald Trump, der zuletzt stärkeren Druck auf Kiew als auf Moskau ausübte, blieb Selenskyj vorsichtig. Trump hatte unter anderem behauptet, Selenskyj sei ein „Diktator“ und habe den Krieg begonnen – Aussagen, die russischen Narrativen entsprechen. Darauf angesprochen, reagierte Selenskyj mit einem Lachen: „Ich bin kein Diktator, und ich habe diesen Krieg nicht begonnen.“
Gefragt, ob er Trump vertraue, betonte Selenskyj die Bedeutung institutioneller Garantien. Sicherheitszusagen müssten vom US-Kongress getragen werden, nicht nur vom Präsidenten. Politische Führungen wechselten, Institutionen blieben.
Die USA haben einen Großteil ihrer direkten Militärhilfe eingestellt, liefern aber weiterhin wichtige Geheimdienstinformationen. Europäische Staaten kaufen zudem in großem Umfang Waffen in den USA, um sie an die Ukraine weiterzugeben.
Wahlen nur mit Sicherheitsgarantien
Ein weiterer Streitpunkt ist die Forderung aus Washington, die Ukraine solle noch im Sommer Parlaments- oder Präsidentschaftswahlen abhalten. Reguläre Wahlen waren 2024 wegen des Kriegsrechts ausgesetzt worden.
Selenskyj erklärte, Wahlen seien grundsätzlich möglich, jedoch nur unter sicheren Bedingungen. Millionen Ukrainer lebten als Flüchtlinge im Ausland, große Landesteile seien besetzt. Ohne belastbare Sicherheitsgarantien könne ein fairer Urnengang kaum gewährleistet werden.
Ob er selbst erneut kandidieren werde, ließ er offen: „Vielleicht trete ich an, vielleicht nicht.“
Forderung nach mehr Luftverteidigung
Dringend benötigt die Ukraine nach wie vor moderne Luftabwehrsysteme. Selenskyj beklagte, dass westliche Partner bislang keine Lizenzen erteilt hätten, um etwa Patriot-Systeme oder entsprechende Raketen selbst in der Ukraine zu produzieren.
„Das ist heute unser schwierigstes Problem“, sagte er. Warum die Genehmigungen ausblieben, wisse er nicht.
„Wir spielen Schach auf mehreren Ebenen“
Zum Ende des Gesprächs wechselte Selenskyj ins Englische. Der Krieg sei kein geradliniger Prozess, sondern gleiche einem Schachspiel mit vielen Akteuren und parallelen Strategien. Ziel bleibe es, Putin zu stoppen.
Ob Putin den Krieg freiwillig beenden werde, sei ungewiss. „Ja und nein“, sagte Selenskyj. „Er will nicht aufhören – aber nur weil er es nicht will, heißt das nicht, dass er es nicht doch tun wird.“
Mit einem „Gott segne uns“ verabschiedete sich der ukrainische Präsident – und bekräftigte einmal mehr seine Überzeugung: Die Ukraine werde standhalten.
Kommentar hinterlassen