Eine Auswertung hunderter neu veröffentlichter Akten im Zusammenhang mit Jeffrey Epstein zeigt, wie der verstorbene Sexualstraftäter Studiengebühren übernahm, Kontakte vermittelte und finanzielle Hilfe einsetzte, um Einfluss zu gewinnen oder Menschen an sich zu binden. Die Unterlagen, die das US-Justizministerium auf Anweisung des Kongresses freigegeben hat, geben Einblick in ein weit verzweigtes Netzwerk aus Prominenten, Akademikern, Politikern und jungen Menschen, die auf Unterstützung hofften.
Bitte „offiziell“ bleiben
Als Ditè Anata im Jahr 2013 Kontakt zu Epstein aufnahm, bat sie ihn um Hilfe für eine Studentin der renommierten Juilliard School in New York. Anata, ein internationales Model, wusste offenbar um Epsteins finanzielle Möglichkeiten – und mahnte ihn zugleich zur Zurückhaltung.
„Ich habe alle Erfahrungen übersprungen, die mich schockiert haben, also bitte … sei nett und benimm dich :)“, schrieb sie am 20. August 2013. Falls er sich nicht „offiziell“ verhalten könne, solle er lieber gar nicht helfen.
Anata erklärte später gegenüber USA TODAY, sie habe Epstein als großzügigen Förderer von Künstlern gekannt. Zwar war ihr bewusst, dass er zuvor wegen der Anbahnung von Prostitution und der Ausbeutung Minderjähriger verurteilt worden war. Epstein habe ihr jedoch versichert, die Vorwürfe seien politisch motiviert gewesen.
E-Mails aus den nun veröffentlichten Akten zeigen, wie Epstein das Gespräch fortführte, Einladungen zu Abendessen mit bekannten Regisseuren und Komponisten aussprach und so seinen Einfluss demonstrierte. Ob er letztlich tatsächlich für die Unterbringung der Studentin aufkam, ist unklar. Die Juilliard School erklärte, man habe keine Zahlung von Epstein erhalten, die Studentin habe nie im Campuswohnheim gelebt. Ihre Anwältin bestätigte jedoch, dass die Frau „erheblichen Missbrauch durch Epstein“ erlitten habe.
Mindestens 840.000 Dollar für Ausbildungskosten
Eine Auswertung von USA TODAY ergab, dass Epstein oder mit ihm verbundene Unternehmen mindestens 840.000 Dollar an Studien- und Ausbildungskosten an 28 verschiedenen Bildungseinrichtungen zahlten. Dies geht aus einem Dokument der Deutschen Bank hervor, das sich in den Ermittlungsakten befindet.
Darüber hinaus arrangierte Epstein laut den Unterlagen weitere Zahlungen an staatlichen Universitäten, privaten Elitehochschulen, Kunstakademien und sogar Grundschulen sowie spezialisierten Ausbildungsprogrammen.
Der demokratische Kongressabgeordnete Jamie Raskin hatte mehr Transparenz über Epsteins Verbindungen zu US-Eliteuniversitäten gefordert. In einem Schreiben argumentierte er, Epstein habe junge Frauen durch finanzielle Unterstützung in Abhängigkeit gebracht und sie so möglicherweise davon abgehalten, Straftaten zur Anzeige zu bringen.
Prominente und Akademiker im Netzwerk
Die Akten zeigen, dass Epstein nicht nur Unbekannten half, sondern auch Personen aus prominenten Kreisen unterstützte.
So arrangierte er unter anderem eine Zahlung von 10.000 Pfund für Reinaldo Avila da Silva, den Ehemann des britischen Politikers Peter Mandelson, um ein Osteopathie-Studium zu finanzieren. Die betreffende Hochschule erklärte, sie habe kein Geld direkt von Epstein erhalten. Mandelson verlor 2025 sein Amt als britischer Botschafter in den USA, nachdem seine Verbindungen zu Epstein öffentlich wurden.
Auch im Umfeld von Hollywood und Wissenschaft taucht Epstein als Förderer auf. 2018 schrieb er einer Warner-Bros.-Managerin, die Studiengebühren für eine Person mit dem Namen ihrer Tochter seien „sein Geschenk“. Ob er tatsächlich zahlte, bleibt offen.
Der ehemalige MIT-Forscher Joscha Bach bestätigte, dass Epstein ihm rund 48.000 Dollar für die Ausbildung seiner Kinder zur Verfügung stellte. Er habe von Epsteins früherer Verurteilung gewusst, jedoch von Kollegen gehört, der Finanzier habe sich geändert. Erst die erneute Festnahme Epsteins habe ihn schockiert. Hätte er von weiteren Straftaten gewusst, hätte er „jeglichen Kontakt sofort beendet“.
Explizite Gegenleistungen
In manchen Fällen formulierte Epstein konkrete Erwartungen. In einer E-Mail aus dem Jahr 2017 bot er 30.000 Dollar Studiengebühren an – unter der Bedingung, dass ihm im Gegenzug drei Assistentinnen gestellt würden. Sollten diese nicht bereitgestellt werden, müsse das Geld zurückgezahlt werden.
In vielen anderen Nachrichten bedankten sich Empfänger überschwänglich und versprachen implizit oder ausdrücklich, sich erkenntlich zu zeigen. Laut USA TODAY gibt es jedoch keine Hinweise darauf, dass die in den E-Mails genannten Personen mit Epsteins kriminellen Handlungen in Verbindung stehen oder selbst beschuldigt wurden.
Macht durch Großzügigkeit
Die Dokumente zeichnen das Bild eines Mannes, der finanzielle Hilfe strategisch einsetzte: als Türöffner, als Mittel zur Imagepflege und möglicherweise als Instrument der Kontrolle. Neben Schecks nutzte er auch sein umfangreiches Kontaktnetzwerk, um Studienplätze zu vermitteln oder Zugang zu einflussreichen Persönlichkeiten zu schaffen.
Epstein, der 2019 in einer Gefängniszelle starb, hinterließ damit nicht nur ein strafrechtliches, sondern auch ein gesellschaftliches Erbe, das weiterhin Fragen aufwirft: über Macht, Einfluss – und die Rolle von Institutionen und Einzelpersonen in seinem Umfeld.
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