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Saudischer Regierungskritiker nach Spottvideos überwacht und in London angegriffen

MIH83 (CC0), Pixabay
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Der saudi-arabische Regierungskritiker und YouTuber Ghanem al‑Masarir ist nach satirischen Videos über die Führung in Riad Ziel staatlicher Überwachung, Einschüchterung und eines körperlichen Angriffs in London geworden. Ein britisches Gericht hat nun entschieden, dass Saudi-Arabien für die Cyberattacke und die Folgen verantwortlich ist und den Exilanten entschädigen muss.

Al‑Masarir, der seit mehr als 20 Jahren in Großbritannien lebt und inzwischen britischer Staatsbürger ist, erreichte mit seinen satirischen YouTube-Videos ein Millionenpublikum in der arabischen Welt. Von seiner Wohnung im Londoner Stadtteil Wembley aus kritisierte er insbesondere den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Seine Videos erzielten insgesamt mehr als 345 Millionen Aufrufe.

Überwachung durch Spionagesoftware

Im Jahr 2018 bemerkte al‑Masarir erstmals ungewöhnliche Vorgänge an seinen Mobiltelefonen: Die Geräte reagierten langsam, die Akkus entluden sich rasch. Gleichzeitig fiel ihm auf, dass er in verschiedenen Teilen Londons wiederholt von denselben Personen beobachtet, gefilmt und bedrängt wurde.

Später bestätigten IT‑Experten des kanadischen Forschungsinstituts Citizen Lab, dass seine iPhones mit der hochentwickelten Spionagesoftware Pegasus infiziert worden waren. Mit dieser Software können Angreifer auf Standortdaten zugreifen, Kameras und Mikrofone aktivieren sowie private Inhalte auslesen. Citizen Lab stufte es als hochwahrscheinlich ein, dass die Überwachung von staatlichen Stellen Saudi-Arabiens ausging.

Gewalttätiger Angriff in der Öffentlichkeit

Im August 2018 kam es zu einem körperlichen Angriff: Zwei unbekannte Männer stellten al‑Masarir in der Londoner Innenstadt zur Rede, beschimpften ihn wegen seiner Kritik am saudischen Königshaus und schlugen ihn anschließend. Zeugen griffen ein, woraufhin die Angreifer flüchteten. Nach Angaben des Gerichts trug einer von ihnen ein Ohrstück, was auf eine geplante Aktion hindeutete.

Der High Court in London bewertete den Angriff als vorsätzlich. In seinem Urteil stellte Richter Jeremy Saini fest, es gebe eine „zwingende Grundlage“ für die Annahme, dass sowohl die digitale Überwachung als auch der körperliche Angriff von Saudi-Arabien angeordnet oder autorisiert worden seien.

Gerichtsurteil gegen Saudi-Arabien

Nach sechs Jahren juristischer Auseinandersetzungen verurteilte der High Court Saudi-Arabien im Januar 2026 zur Zahlung von mehr als drei Millionen Pfund Schadenersatz. Das Königreich hatte sich zunächst auf staatliche Immunität berufen, verlor diesen Schutz jedoch 2022. In den weiteren Verfahren blieb Saudi-Arabien unvertreten und reagierte nicht auf gerichtliche Anordnungen.

Ob die Entschädigung tatsächlich gezahlt wird, ist unklar. Die saudische Botschaft in London äußerte sich auf Anfrage nicht.

Anhaltende Einschüchterung

Auch nach dem Angriff setzte sich die Einschüchterung fort. 2019 wurde al‑Masarir in einem Londoner Café von einem Kind angesprochen, das ein Loblied auf den saudischen König sang. Das Video verbreitete sich später in sozialen Netzwerken und lief im saudischen Staatsfernsehen. Am selben Tag wurde al‑Masarir auf offener Straße mit den Worten „Deine Tage sind gezählt“ bedroht.

Aus Angst meidet er heute das Zentrum Londons. Seine YouTube‑Aktivität stellte er vor drei Jahren ein. Trotz des juristischen Erfolgs gilt er damit faktisch als zum Schweigen gebracht.

Bedeutung des Falls

Der Fall al‑Masarir gilt als international bedeutsames Beispiel für grenzüberschreitende Repression, bei der autoritäre Staaten Kritiker im Ausland überwachen und einschüchtern. Menschenrechtsorganisationen sehen in dem Urteil ein wichtiges Signal gegen den Missbrauch digitaler Überwachungstechnologien.

Für al‑Masarir selbst bedeutet das Urteil vor allem eine rechtliche Anerkennung des erlittenen Unrechts. Die persönlichen Folgen – Angst, Depression und der Verlust seiner öffentlichen Stimme – bleiben jedoch bestehen.

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