Weil die Straße von Hormus blockiert ist, leitet Saudi-Arabien Millionen Barrel Rohöl über den Roten Ozean um. Doch nun droht auch diese Ausweichroute zu kippen: Mit dem Kriegseintritt der Huthi-Miliz gerät die Meerenge Bab al-Mandab ins Visier. Für den ohnehin nervösen Ölmarkt wäre das der nächste Schock.
Die globale Energiekrise könnte sich weiter zuspitzen. Wochenlang galt Saudi-Arabiens Rotmeerhafen Yanbu als seltene Entlastung in einem zunehmend blockierten Ölmarkt: Millionen Barrel Rohöl, die normalerweise durch die gesperrte Straße von Hormus verschifft würden, wurden stattdessen über das Rote Meer umgeleitet. Doch genau diese Notlösung steht nun auf der Kippe.
Denn mit dem offiziellen Eintritt der jemenitischen Huthi-Miliz in den Krieg zwischen den USA, Israel und Iran droht auch die Meerenge Bab al-Mandab zu einem neuen Brennpunkt zu werden. Sollten die vom Iran unterstützten Rebellen den Schiffsverkehr dort angreifen oder faktisch lahmlegen, wäre ein weiterer zentraler Engpass des Welthandels gefährdet – mit unmittelbaren Folgen für Ölpreise, Lieferketten und Versorgungssicherheit.
Saudi-Arabiens Ausweichroute
Seit der Sperrung der Straße von Hormus versucht Saudi-Arabien, einen Teil seiner Exporte über Yanbu an der Westküste des Landes zu retten. Nach Daten des Analysehauses Vortexa wurden in den vergangenen zwei Wochen dort bis zu 4,6 Millionen Barrel Rohöl pro Tag auf Tanker verladen – mehr als das Dreifache des Durchschnitts von 2025.
Gemessen an den rund 15 Millionen Barrel täglich, die wegen der Blockade von Hormus derzeit auf dem Weltmarkt fehlen, ist das nur ein Teilersatz. Doch in einem extrem angespannten Markt genügt bereits diese Menge, um Preise und Erwartungen zu beeinflussen.
Energieexperten warnen daher: Fällt auch diese Route aus, könnte sich der Schock schlagartig verschärfen.
Der nächste Flaschenhals: Bab al-Mandab
Das Problem: Tanker aus Yanbu müssen auf ihrem Weg nach Asien die Meerenge Bab al-Mandab passieren – den südlichen Zugang zum Roten Meer zwischen Jemen und dem Horn von Afrika. Schon seit Ende 2023 greifen Huthi-Kämpfer dort immer wieder Handelsschiffe an. Damals begründeten sie ihre Angriffe mit dem Gaza-Krieg. Nun könnte die Eskalation eine neue Dimension erreichen.
Am Samstag feuerten die Huthi erstmals offiziell Raketen in Richtung Israel. Bereits einen Tag zuvor hatte ein hochrangiger Vertreter der Miliz gegenüber CNN erklärt, eine Schließung der Meerenge sei »eine realistische Option«. Die Konsequenzen, so die Drohung, würden »die amerikanischen und israelischen Aggressoren« tragen.
Damit ist klar: Der vermeintliche Rettungsanker des Ölmarkts liegt nun selbst in einer Gefahrenzone.
Ölpreis könnte auf 150 Dollar steigen
Die Folgen wären gravierend. Seit Beginn des Iran-Kriegs am 28. Februar ist der Preis für Brent-Rohöl bereits um rund 50 Prozent gestiegen und notiert inzwischen bei etwa 110 Dollar pro Barrel.
Sollte Bab al-Mandab für Tanker ebenfalls zu gefährlich werden, halten Marktbeobachter einen Sprung auf mehr als 150 Dollar pro Barrel für wahrscheinlich – und zwar deutlich früher als bislang erwartet.
Der Analyst Artem Abramov vom Beratungsunternehmen Rystad Energy spricht von einem Kipppunkt: Eine Schließung der Wasserstraße würde »das System schlicht sehr viel schneller brechen«. Schon die bloße Drohung reiche aus, um Versicherungsprämien, Frachtkosten und damit letztlich die Ölpreise weiter nach oben zu treiben.
Besonders hart träfe es Asien
Besonders verletzlich ist Asien. Die Region deckt rund 60 Prozent ihres Ölbedarfs über Importe aus dem Nahen Osten – und spürt die Folgen der Krise bereits jetzt am stärksten.
Laut Daten des Analyseunternehmens Kpler gingen in diesem Monat sämtliche Rohöllieferungen aus Yanbu, die Bab al-Mandab passierten, nach Asien. Fiele diese Route aus, hätte Saudi-Arabien im Wesentlichen zwei Optionen: Entweder das Königreich priorisiert nahegelegene Märkte in Europa – zulasten Asiens. Oder Tanker müssten deutlich längere Umwege fahren.
Beides hätte Folgen: längere Lieferzeiten, höhere Kosten, schärfere Knappheit.
Der Umweg wäre teuer und langsam
Sollte die Route durch Bab al-Mandab unsicher werden, müssten Tanker aus Yanbu einen erheblich komplizierteren Kurs nehmen: zunächst durch den Suezkanal, dann durchs Mittelmeer, entlang der Westküste Afrikas und schließlich über den Indischen Ozean Richtung Asien.
Das würde nicht nur Wochen zusätzlich kosten, sondern auch Treibstoff-, Versicherungs- und Personalkosten massiv erhöhen.
Richard Bronze vom Analysehaus Energy Aspects warnt, schon eine solche Verzögerung würde die Rohölknappheit in Asien deutlich verschärfen. Der Markt sei dort bereits jetzt angespannt – jede weitere Verzögerung könne lokale Versorgungsprobleme auslösen.
Erste Notmaßnahmen laufen bereits
Mehrere asiatische Staaten haben bereits auf die Energiekrise reagiert. Die Philippinen riefen einen Energienotstand aus und verkürzten für Teile des öffentlichen Dienstes die Arbeitswoche. In Südkorea empfiehlt die Regierung den Bürgern inzwischen sogar, kürzer zu duschen.
Nach Einschätzung von Marktbeobachtern könnten in Teilen Asiens bereits im April erste Engpässe bei Rohöl spürbar werden, sobald bestehende Reserven abschmelzen. Dann werde nicht nur der Preis zum Problem – sondern die physische Verfügbarkeit selbst.
»Hohe Ölpreise sind das eine«, sagt Kpler-Analystin Muyu Xu. »Aber das eigentliche Problem ist: Viele Länder bekommen schlicht nicht genug Öl.«
Eine Krise mit zwei Nadelöhren
Damit hängt die Versorgung des Weltmarkts inzwischen an zwei extrem verwundbaren Seewegen: an der blockierten Straße von Hormus im Persischen Golf – und an Bab al-Mandab am Eingang zum Roten Meer.
Saudi-Arabien hatte mit Yanbu vorübergehend gezeigt, dass sich ein Teil des Ausfalls kompensieren lässt. Doch wenn auch dieser Korridor militärisch unter Druck gerät, wird aus einer regionalen Eskalation rasch ein globales Versorgungsproblem.
Kurzfazit
Der Ölmarkt lebt derzeit von Improvisation. Saudi-Arabien hat mit Yanbu einen Umweg eröffnet – doch er führt direkt durch die nächste Gefahrenzone. Wenn die Huthi auch Bab al-Mandab zur Front machen, droht aus einer Energiekrise ein echter Versorgungsschock zu werden.
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