Rachel Goldberg-Polin hätte sich nie vorstellen können, einmal im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit zu stehen. Die Mutter aus Jerusalem führte ein ruhiges Leben – bis ihr Sohn Hersh am 7. Oktober 2023 während des Hamas-Angriffs auf Israel entführt wurde. Monate später wurde der damals 23-Jährige nach 328 Tagen Gefangenschaft in einem Tunnel im Gazastreifen getötet. Aus der privaten Tragödie einer Familie wurde eine internationale Geschichte über Verlust, Hoffnung und die Kraft einer Mutter.
Heute gehört Goldberg-Polin zu den „Women of the Year 2026“ von USA TODAY, einer Auszeichnung für Frauen, die in ihren Gemeinschaften und darüber hinaus einen bedeutenden Einfluss haben.
Eine Mutter wird zur Stimme der Geiseln
Nach der Entführung ihres Sohnes begann Goldberg-Polin einen unermüdlichen Kampf für die Freilassung der Geiseln. Insgesamt 251 Menschen waren bei dem Angriff verschleppt worden.
Sie zählte jeden einzelnen Tag der Gefangenschaft. Die Zahl schrieb sie auf ein Stück Klebeband und trug sie sichtbar bei sich – ein stilles, aber eindringliches Symbol.
Goldberg-Polin reiste um die Welt, sprach auf Konferenzen und traf politische Entscheidungsträger. Sie nahm an Treffen mit internationalen Führungspersönlichkeiten teil, sprach beim Weltwirtschaftsforum in Davos, hatte eine Audienz bei Papst Franziskus und trat sogar auf dem Parteitag der Demokratischen Partei in den USA auf.
Selbst in Momenten großer Angst hielt sie an ihrem Glauben fest. Einmal schrieb sie einen Vers aus Psalm 118 auf ein Stück Papier – „Der Herr ist mit mir, ich fürchte mich nicht“ – und steckte es in ihre Kleidung, bevor sie ein schwieriges Treffen wahrnahm.
Doch all diese öffentlichen Auftritte konnten das Schicksal ihres Sohnes nicht mehr ändern. Bevor Hersh gerettet werden konnte, wurde er von seinen Entführern getötet.
Tausende Nachrichten von Menschen in Trauer
Während sie weltweit Aufmerksamkeit auf das Schicksal der Geiseln lenkte, begann etwas Unerwartetes: Menschen aus aller Welt schrieben ihr.
Die ersten Nachrichten kamen über Facebook und E-Mail. Bald folgten WhatsApp-Nachrichten aus den USA, aus Südafrika, aus Fidschi.
Viele Absender waren selbst von Verlust betroffen. Manche hatten Kinder durch Suizid oder Drogen verloren, andere Partner, Eltern oder Geschwister. Manche schrieben nur kurze Worte wie „Ich denke an dich“ oder schickten ein Herz-Emoji.
„Manche Tage sind es 93 Nachrichten, manche 112“, erzählt Goldberg-Polin. „Aber meistens sind es ungefähr hundert.“
Inzwischen sind Zehntausende Nachrichten zusammengekommen – Menschen verschiedener Religionen und Hintergründe, die in ihrem Schmerz eine Verbindung zu ihr spüren.
Leben mit Trauer
Als im Januar 2026 die sterblichen Überreste der letzten Geisel an ihre Familie übergeben wurden, endete für viele die akute Phase der Krise. Auch Goldberg-Polin hörte auf, die Tage der Gefangenschaft zu zählen.
Doch die Nachrichten hörten nicht auf.
Viele Organisationen und Schulen laden sie weiterhin ein, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Für Goldberg-Polin ist das manchmal schwer zu verstehen.
„Die Geschichte ist für mich eigentlich vorbei“, sagt sie. „Hershs Geschichte ist tragisch zu Ende.“
Trotzdem spricht sie immer wieder über Trauer – nicht als etwas, das irgendwann verschwindet, sondern als etwas, mit dem man lernen muss zu leben.
Als ehemalige Pädagogin erklärt sie ihre Gedanken oft mit einfachen Bildern. Einmal bat sie Studierende, an einen geliebten Menschen zu denken – einen Freund, eine Mutter, sogar ein Haustier – und sich vorzustellen, diese Person sei gerade nicht im Raum.
„Liebt ihr sie deshalb weniger?“ fragte sie.
„Wie können wir jemanden weiterhin lieben und vermissen, ohne daran zu zerbrechen?“
Ein Buch über Verlust und Liebe
Goldberg-Polin arbeitet ihre Erfahrungen auch schriftlich auf. Am 21. April erscheint ihre Memoiren „When We See You Again“, in denen sie über die Monate der Hoffnung, der Angst und des Verlusts schreibt.
Trotz ihrer weltweiten Bekanntheit sieht sie sich selbst nicht als Vorbild.
„Ich bin einfach ein ganz normaler Mensch, der in eine schreckliche Situation geraten ist“, sagt sie. „Ich habe nur getan, was jede Mutter tun würde.“
Die universelle Sprache des Schmerzes
Für Goldberg-Polin hat der Austausch mit anderen Trauernden eine unerwartete Bedeutung bekommen. Viele Menschen glauben, sie würden ihr schreiben, um Unterstützung zu bekommen. Doch sie selbst empfindet diese Nachrichten als Hilfe.
„Schmerz ist so universell“, sagt sie. „Viele Menschen suchen nach jemandem, der versteht, was sie fühlen.“
Zwischen ihr und den Menschen, die ihr schreiben, entsteht so eine Art gegenseitige Unterstützung – eine Begegnung „in der Mitte“, wie sie es nennt.
Trotz ihres eigenen Verlusts spricht sie immer noch voller Liebe über ihren Sohn.
„Ich hatte diesen wunderbaren Sohn“, sagt sie. „Er war – und ist – ein Segen.“
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