Das Telefonat zwischen Keir Starmer und Donald Trump markiert einen ungewöhnlich offenen Moment in den sonst betont pragmatischen Beziehungen zwischen London und Washington. Wenn Starmer erklärt, es sei „falsch“, Zölle gegen Verbündete zu verhängen, die sich einer US-Übernahme Grönlands widersetzen, ist das mehr als diplomatische Rhetorik. Es ist eine bewusste Grenzziehung.
Denn Trumps Drohung, wirtschaftlichen Druck als Hebel in einer geopolitischen Souveränitätsfrage einzusetzen, trifft einen sensiblen Kern des westlichen Bündnisses. Zölle gegen Nato-Partner, die sich auf ihre sicherheitspolitische Verantwortung berufen, unterlaufen genau jene Solidarität, auf der das Bündnis beruht. Starmer benennt dieses Problem offen – und nimmt dabei in Kauf, den US-Präsidenten öffentlich zu widersprechen.
Bemerkenswert ist dabei weniger der Inhalt als der Ton. Starmer gilt bislang als jemand, der Konflikte mit Washington vermeidet und auf Vermittlung setzt – etwa im Ukraine-Krieg. Dass er nun klar Position bezieht, zeigt, wie ernst die Lage eingeschätzt wird. Die britische Regierung versucht offenkundig, wirtschaftliche Erpressung von sicherheitspolitischer Kooperation zu entkoppeln.
Die geschlossene Reaktion europäischer Staaten verstärkt diesen Eindruck. Die gemeinsame Erklärung von acht Ländern, darunter Großbritannien, Dänemark und Deutschland, ist ein seltenes Zeichen europäischer Einigkeit gegenüber den USA. Dass ausgerechnet Grönland – formal autonom, faktisch aber Teil des dänischen Staatsverbunds – zum Auslöser wird, macht die Symbolkraft der Auseinandersetzung deutlich. Hier geht es nicht nur um Arktisstrategie oder Rohstoffe, sondern um das Prinzip, dass territoriale Fragen nicht durch wirtschaftlichen Druck entschieden werden.
Für Trump fügt sich das Vorgehen in ein bekanntes Muster ein: maximale Forderungen, öffentlich formuliert, um Verhandlungsspielräume zu erzwingen. Doch dieses Mal richtet sich die Drohung nicht gegen Rivalen wie China, sondern gegen enge Partner. Das erhöht das Eskalationsrisiko – politisch wie ökonomisch.
Starmer versucht, diesen Kurs zu bremsen, ohne die transatlantische Beziehung grundsätzlich infrage zu stellen. Seine Botschaft ist eindeutig, aber eingebettet in den Nato-Kontext: Sicherheit im hohen Norden sei ein gemeinsames Interesse. Damit widerspricht er Trump nicht frontal in der Sache, sondern in der Methode. Ob das ausreicht, um Washington zum Einlenken zu bewegen, bleibt offen.
Innenpolitisch bringt Starmers Haltung kaum Risiken – im Gegenteil. Die ungewöhnliche Einigkeit von Regierung und Opposition zeigt, dass Trumps Zollpläne in Großbritannien parteiübergreifend als unakzeptabel gelten. Außenpolitisch aber begibt sich London auf schmalen Grat: zwischen Loyalität zum wichtigsten Verbündeten und der Verteidigung europäischer Grundsätze.
Das Telefonat war daher weniger eine diplomatische Geste als ein Signal. Großbritannien will Brücke bleiben – aber nicht um den Preis politischer Erpressbarkeit. Ob Trump diese Botschaft akzeptiert oder lediglich als weiteres Element seines Verhandlungsspiels betrachtet, dürfte bald darüber entscheiden, wie tief dieser Konflikt noch geht.
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