Nur wenige Schritte von Liberty Bell und Independence Hall entfernt erinnert „The President’s House“ an eine wenig bekannte Wahrheit: George Washington, Revolutionsgeneral, Gründervater und erster US-Präsident, hielt in seinem Haushalt versklavte Menschen und profitierte von ihrer Arbeit. Während seiner Zeit in Philadelphia, damals Hauptstadt der Vereinigten Staaten, lebten und arbeiteten Versklavte in dem Haus, in dem er residierte.
Der Strafverteidiger und Aktivist Michael Coard, seit Jahren Sprecher einer zivilgesellschaftlichen Initiative zum Schutz der Gedenkstätte, bringt es mit einer Anleihe aus dem Gerichtssaal auf den Punkt: Man müsse „die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ erzählen. Dazu gehöre auch, dass Washington Versklafte zwischen Virginia und Pennsylvania hin- und herschicken ließ, um die Wirkungen des schrittweisen Abschaffungsgesetzes von 1780 in Pennsylvania zu umgehen.
Die Ausstellungsfläche dokumentiert Biografien wie die der Näherin Oney Judge, die in Philadelphia floh und von Washington jahrelang zurückgefordert wurde, sowie des Kochs Hercules Posey, der ebenfalls die Flucht ergriff und später freikam. Mit Videoeinspielungen, Tafeln und Erläuterungen wird die Wirtschaftslogik der Sklaverei erklärt – ebenso Wege in die Freiheit und die Realität bezahlter und unbezahlter Arbeit im Amerika des 18. Jahrhunderts.
Hintergrund der aktuellen Debatte sind bundespolitische Überprüfungen von Denkmälern und Museumstexten, die nach Ansicht der Regierung zu negativ auf die US-Geschichte blicken und „patriotische“ Narrative stärker betonen sollten. In Philadelphia bleiben die Installationen am Präsidentenhaus vorerst unverändert; konkrete Eingriffe sind derzeit nicht angekündigt. Gleichwohl bereitet sich das von Coard mitgegründete Bündnis aus Aktivisten, Denkmalpflegern, Juristen und Architekten auf den Ernstfall vor – einschließlich rechtlicher Schritte und politischem Druck.
Auch Besucherinnen und Besucher zeigen Haltung. Manche befürchten eine „revisionistische“ Umdeutung der Vergangenheit; andere betonen, wahre Liebe zum Land setze voraus, dessen Licht- und Schattenseiten zu kennen. Für Coard ist klar: „Patriotisch kann nur sein, wer Amerika wirklich kennt – das Gute, das Schlechte und das Hässliche.“
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