Mehr Religion, weniger Vielfalt: US-Verteidigungsminister Pete Hegseth baut das Militärseelsorgewesen um – mit symbolträchtigen Folgen. Künftig sollen Militärgeistliche ihre Rangabzeichen nicht mehr offen tragen. Kritiker sehen darin keinen Verwaltungsakt, sondern ein ideologisches Signal.
US-Verteidigungsminister Pete Hegseth hat zwei weitreichende Änderungen für das Chaplain Corps, die Militärseelsorge der US-Streitkräfte, angekündigt. Künftig sollen Militärseelsorger nicht mehr ihre Dienstgradabzeichen sichtbar tragen, sondern stattdessen ausschließlich die religiösen Symbole ihrer jeweiligen Glaubenstradition. Gleichzeitig will das Pentagon die Zahl offiziell geführter Glaubenscodes drastisch reduzieren – von bislang mehr als 200 auf nur noch 31.
Hegseth präsentierte die Reformen am 24. März in einem auf der Plattform X veröffentlichten Video. Die Geistlichen blieben zwar formal Offiziere mit Rang, sagte er – sichtbar sein solle künftig jedoch vor allem ihre „göttliche Berufung“.
Ein symbolischer Umbau mit politischer Botschaft
Der Schritt ist mehr als eine Uniformfrage. Er passt in Hegseths größeren Versuch, die Rolle von Religion im US-Militär wieder deutlich offensiver zu betonen.
In seiner Ansprache beklagte der Minister, das Militärseelsorgewesen habe sich in den vergangenen Jahren zu weit von religiösem Glauben entfernt und sich stattdessen zu sehr auf „Selbsthilfe“ und „Selbstfürsorge“ konzentriert.
Ein Soldat brauche mehr als bloße Bewältigungsstrategien, sagte Hegseth.
Er brauche „Wahrheit – Wahrheit mit großem W“ –, Überzeugung und einen Hirten.
Diese Wortwahl ist bemerkenswert, weil sie nicht neutral klingt, sondern nach einem exklusiven Wahrheitsanspruch. Kritiker lesen darin den Versuch, die Seelsorge nicht nur religiöser, sondern auch ideologisch enger zu definieren.
Rangabzeichen weg – damit Hemmschwellen sinken sollen
Hegseth begründete die Abschaffung sichtbarer Dienstgradabzeichen bei Militärgeistlichen damit, dass Soldaten sich so leichter an Seelsorger wenden könnten. Wer mit sensiblen persönlichen, familiären oder psychischen Problemen kämpfe, solle nicht durch den Eindruck abgeschreckt werden, mit einem ranghöheren Vorgesetzten zu sprechen.
Die Geistlichen würden zwar weiterhin Offiziere bleiben, aber äußerlich stärker als Seelsorger und weniger als Teil der militärischen Hierarchie erscheinen.
Auf den ersten Blick klingt das pragmatisch. Doch auch diese Maßnahme wird kontrovers diskutiert. Kritiker warnen, dass die Sonderrolle der Geistlichen innerhalb der Truppe dadurch nicht nur sichtbarer, sondern auch abgesonderter werden könnte.
Nur noch 31 Glaubenscodes statt mehr als 200
Noch größer dürfte die Debatte um die zweite Reform werden: Das Pentagon will künftig nur noch 31 Glaubenscodes verwenden – statt der bislang mehr als 200 offiziell erfassten religiösen Zuordnungen.
Hegseth bezeichnete das bisherige System als „unpraktisch“ und „unbrauchbar“. Ein kleineres, übersichtlicheres Modell solle es den Seelsorgern erleichtern, Soldaten passgenau entsprechend ihrer religiösen Herkunft und Praxis zu betreuen.
Wie genau diese 31 Kategorien aussehen sollen, ist bislang offen. Das Pentagon beantwortete entsprechende Nachfragen laut USA Today zunächst nicht – ebenso wenig die Frage, ob die Reduzierung Auswirkungen auf die Zahl der Militärgeistlichen haben könnte oder wie Soldaten außerhalb dieser Kategorien künftig religiös betreut werden sollen.
Gerade darin liegt für Kritiker das Problem: Solange unklar ist, welche Glaubensgemeinschaften unter die neuen Codes fallen und welche faktisch verschwinden, wirkt die Reform wie ein möglicher Abbau religiöser Vielfalt unter bürokratischem Vorwand.
Historisch gewachsen – und immer wieder umkämpft
Das Chaplain Corps wurde bereits 1775 von George Washington eingerichtet. Ursprünglich war es ausschließlich protestantisch geprägt. Erst im 19. Jahrhundert kamen katholische Militärseelsorger und ein Rabbiner hinzu.
Der erste muslimische Militärgeistliche wurde 1994 berufen, der erste buddhistische 2008.
Die Frage, wie weit religiöse Vielfalt im Militär reichen darf, ist in den USA seit Jahrzehnten umstritten. Immer wieder ging es um das Spannungsverhältnis zwischen militärischer Einheitlichkeit und individueller Religionsfreiheit.
1986 entschied der US Supreme Court, dass die Air Force einem orthodox-jüdischen Soldaten das Tragen einer Kippa in Uniform untersagen durfte. Das Gericht sah darin zwar einen Eingriff in die Religionsfreiheit, hielt ihn aber wegen des militärischen Interesses an Einheitlichkeit für zulässig.
Später, in den frühen 2000er-Jahren, sorgten Berichte über evangelikalen Missionierungsdruck an der Air Force Academy für Schlagzeilen. Offiziere und Kadetten sollen dort aktiv versucht haben, andere Angehörige des Militärs für evangelikale christliche Positionen zu gewinnen – ein Klima, das Angehörige anderer Religionen als ausgrenzend beschrieben.
Unter Biden galt Vielfalt als erklärtes Ziel
Noch unter der Regierung von Joe Biden setzte das Militär offiziell auf eine gegenteilige Linie.
Leitlinien des Army Chaplain Corps aus dem Jahr 2024 betonten, dass die Seelsorge Soldaten und ihre Familien unabhängig von religiöser Zugehörigkeit – oder auch ohne jede religiöse Bindung – begleiten solle. Damals hieß es zudem ausdrücklich, man arbeite daran, die Vielfalt innerhalb des Corps auszubauen, etwa durch mehr Frauen sowie eine stärkere Repräsentation von Minderheitenreligionen.
Das Corps repräsentierte zu diesem Zeitpunkt nach Armeedokumenten mehr als 100 religiöse Gruppen.
Hegseths Reformen wirken vor diesem Hintergrund wie eine bewusste Kehrtwende.
Ehemalige Militärgeistliche warnen vor ideologischem Umbau
Besonders kritisch äußerte sich Rabbi Joel Schwartzman, der mehr als 20 Jahre als Militärseelsorger in der US-Luftwaffe diente und als Oberst in den Ruhestand ging.
Er sehe die Änderungen als Teil eines größeren Projekts dessen, „was Hegseth mit Religion im Militär vorhat“.
„Ich traue dem nicht – und ich mag es ganz sicher nicht“, sagte Schwartzman.
Zwar könne das Weglassen der Rangabzeichen tatsächlich dazu führen, dass Seelsorger leichter ansprechbar werden. Gleichzeitig fürchtet er aber, dass sie dadurch innerhalb der Truppe stärker isoliert werden könnten.
Noch größere Sorgen bereitet ihm die Kürzung der Glaubenscodes. Wer an der Militärseelsorge herumschraube, gefährde über Jahrzehnte gewachsene Traditionen, so Schwartzman.
Expertin: Nicht nur die Reform, auch der Ton ist entscheidend
Die Religionshistorikerin Ronit Stahl von der University of California, Berkeley, die zur Rolle der Militärseelsorge in den USA forscht, bewertet die Änderungen differenzierter.
Sie weist darauf hin, dass die bisherige Liste von mehr als 200 Glaubenscodes auch sehr kleinteilige protestantische Unterkategorien enthalte. Eine gewisse Bündelung sei deshalb nicht automatisch dramatisch.
Wichtiger als die bloße Zahl sei jedoch der politische Ton, in dem Hegseth die Reform verkaufe.
Seine Rede von der „Wahrheit mit großem W“ deute auf ein Religionsverständnis hin, das von einer einzigen, normativen Wahrheit ausgehe – stark geprägt von seiner eigenen konservativ-protestantischen Perspektive.
Stahl formuliert es deutlich:
Ideologie könne über Verwaltungsbürokratie in Institutionen eingeschleust werden.
Mehr als eine Personalfrage
Damit geht es bei Hegseths Umbau letztlich nicht nur um Uniformdetails oder Verwaltungscodes.
Es geht um die Frage:
- Soll Militärseelsorge möglichst offen, plural und dienstleistungsorientiert sein?
- Oder soll sie wieder stärker als ausdrücklich religiöses, womöglich christlich-konservatives Korrektiv innerhalb der Streitkräfte verstanden werden?
Die Antwort der Trump-Regierung scheint klar auszufallen.
Dass ausgerechnet in einer Phase internationaler Spannungen und nach dem Krieg gegen Iran die Zahl der Beschwerden über Religionsfreiheit im Militär steigt, verleiht der Debatte zusätzliche Schärfe. Die Military Religious Freedom Foundation meldete nach eigenen Angaben allein im März bereits mehr als 200 Beschwerden von Soldaten im Zusammenhang mit religiöser Freiheit.
Ein Kulturkampf in Uniform
Unter Hegseth wird die Militärseelsorge damit zum Schauplatz eines größeren Kulturkampfs: zwischen religiöser Pluralität und exklusiver Glaubenssprache, zwischen institutioneller Neutralität und konservativem Sendungsbewusstsein.
Die Abschaffung sichtbarer Dienstgrade mag wie ein technisches Detail wirken. Die Reduzierung von Glaubenscodes könnte als Verwaltungsreform verkauft werden. Doch zusammengenommen erzählen beide Entscheidungen eine deutlich größere Geschichte:
Das Pentagon unter Trump verschiebt den Schwerpunkt – weg von religiöser Vielfalt als Organisationsprinzip, hin zu einem stärker missionarisch aufgeladenen Verständnis von Glauben in Uniform.
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