Ungarns Premier Viktor Orban hat mal wieder zugeschlagen. Wer dachte, seine üblichen EU-Tiraden seien das Maximum an Polemik, wurde am Wochenende eines Besseren belehrt. Auf Facebook wetterte er gegen gleich mehrere europäische Hauptstädte: In Wien, Berlin, Stockholm und Paris herrsche angeblich Chaos, die öffentliche Sicherheit liege „in Schutt und Asche“. Migrantenbanden würden Menschen „terrorisieren“, Bomben und Morde seien „an der Tagesordnung“. Kurz: Europa versinke im Untergang – außer natürlich in Ungarn, wo der große Grenzzaun den Segen bringe.
Doch diesmal blieb es nicht bei den altbekannten Beschwörungen vom Untergang des Abendlands. Orban legte auf X nach, phantasierte über kriminelle Netzwerke, die schwedische Kinder zu Mördern machten, und berief sich auf einen deutschen Zeitungsartikel, den er grob verzerrte. Besonders grotesk: Die Zahl „284 minderjährige Mädchen im Knast wegen Mordes“, die er in die Welt hinausposaunte, entpuppte sich als schlicht falsch.
Schweden schlägt zurück
In Stockholm rieb man sich offenbar nicht nur die Augen, sondern auch die Fäuste. Ministerpräsident Ulf Kristersson platzte der Kragen: Orbans Behauptungen seien „ungeheuerliche Lügen“. Und er setzte noch einen drauf: Es sei wenig überraschend, dass solche Worte ausgerechnet von dem Mann kämen, der im eigenen Land die Rechtsstaatlichkeit mit Füßen tritt. Ein Seitenhieb, der sitzt.
Kristersson deutete Orbans Rundumschläge als durchschaubares Manöver: Wahlkampfgetöse eines Regierungschefs, der zunehmend unter Druck gerät. Tatsächlich liegt Orbans Partei FIDESZ in Umfragen hinter der neuen Opposition TISZA – ein politischer Schock für den Langzeitpremier.
Altbekannte Feindbilder: Brüssel, Migration, Opposition
Natürlich durfte in Orbans Facebook-Litanei auch die obligatorische Breitseite gegen „die Brüsseler Bürokraten“ nicht fehlen. Während diese angeblich „Migration managen“ wollen, verteidige Ungarn tapfer seine Reinheit: ein „migrantenfreies Land“, das nur jene hereinlasse, die genehm sind. Mit Pathos erklärte Orban Ungarn zum „sichersten Land Europas“.
Nebenbei verpasste er auch noch der ungarischen Opposition eine Schelte: Wer in Budapest nicht mit ihm marschiert, sei eine Marionette Brüssels und würde den „Migrationspakt“ durchwinken. Besonders pikant: Der populäre Oppositionspolitiker Peter Magyar liegt mit seiner Partei bereits acht Prozentpunkte vor Orban – ein Alarmsignal, das sich offenbar auch in Orbans Rhetorik niederschlägt.
Ein Premier auf Konfrontationskurs
Orbans Strategie ist altbekannt: Ängste schüren, Fakten verdrehen, Gegner verunglimpfen. Dass er dabei europäische Partner pauschal als Sicherheitsdesaster darstellt, ist diplomatisch ein Affront – aber innenpolitisch Kalkül. Orban inszeniert sich als Bollwerk gegen Chaos, während er selbst längst vor allem eines liefert: Chaos in den Beziehungen zur EU.
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