Nach Durchsicht des Konzernabschlusses der Octopus Energy Group Limited (FY23) ergeben sich – trotz beeindruckender Wachstumszahlen – mehrere strukturelle Risiken, die für Kunden durchaus relevant sein können.
Zur Einordnung ein paar zentrale Kennzahlen:
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Umsatz: £12,54 Mrd. (+197%)
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Nettogewinn: £203 Mio. (1,6% Marge)
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Cash: £841 Mio. (exkl. ringfenced Bulb-Mittel)
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Anstieg Trade & Other Payables auf £2,79 Mrd. (Vorjahr £45 Mio.)
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Goodwill: £211 Mio.
Das Bild ist nicht eindeutig negativ – aber es ist deutlich riskanter, als die Erfolgsgeschichte vermuten lässt.
Kritische Analyse
1. Extrem dünne Gewinnmarge
1,6 % Nettomarge bei einem hochvolatilen Energiemarkt ist extrem gering .
Das bedeutet:
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Schon geringe Marktverwerfungen können den Gewinn komplett aufzehren.
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Das Geschäftsmodell ist stark von stabilen Rahmenbedingungen abhängig (Hedging, Preisdeckel, staatliche Programme).
Für Kunden heißt das:
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Das Unternehmen hat wenig Puffer bei Marktkrisen.
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Preisanpassungen könnten schneller und deutlicher erfolgen.
2. Massive Verbindlichkeiten durch Bulb-Deal
Der drastische Anstieg der „Trade and Other Payables“ um £2,7 Mrd. ist direkt mit der Bulb-Übernahme verbunden.
Das ist bilanziell zulässig – aber:
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Hohe kurzfristige Verpflichtungen erhöhen das Liquiditätsrisiko.
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Komplexe staatliche Mechanismen (WAMA) machen das Konstrukt schwer durchschaubar.
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Kunden hängen indirekt an der Funktionsfähigkeit dieses Konstrukts.
Gefahr:
Wenn Marktpreise oder regulatorische Rahmen kippen, kann ein erheblicher Finanzierungsdruck entstehen.
3. Goodwill und immaterielle Werte steigen stark
Goodwill: £211 Mio.
Intangible Assets: stark gestiegen
Das Problem:
Goodwill ist kein greifbarer Vermögenswert. Wenn Integration oder Wachstum hinter Erwartungen zurückbleiben, drohen Abschreibungen – mit direkter Auswirkung auf Eigenkapital und Vertrauen.
4. Abhängigkeit von AWS
Kraken läuft ausschließlich auf AWS
Risiken:
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Cloud-Abhängigkeit
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Cyberrisiken (DDOS, Credential Stuffing werden selbst erwähnt)
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Konzentrationsrisiko
Für Kunden:
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Technische Störungen könnten Millionen betreffen.
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Datenschutzrisiken steigen mit Datenmenge.
5. Kundenkonzentration im Lizenzgeschäft
Das Lizenzgeschäft ist stark von wenigen Großkunden abhängig
Wenn einer dieser Kunden ausfällt:
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ARR-Rückgang
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Bewertungsdruck
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Liquiditätsdruck
6. EV-Leasing: Restwertrisiko
6.750 Fahrzeuge in der Bilanz, stark wachsend
Risiko:
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Gebrauchtwagenpreise können einbrechen
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Technologischer Wandel beschleunigt Wertverlust
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Wirtschaftskrise drückt Nachfrage
Das ist kein Energie-, sondern ein Finanzierungsrisiko.
Gespräch mit Thomas Bremer
Ich: Herr Bremer, auf den ersten Blick sieht die Bilanz beeindruckend aus – fast Verdreifachung des Umsatzes, Gewinn erzielt. Sehen Sie Risiken für Kunden?
Thomas Bremer: Absolut. Wachstum ist nicht automatisch Stabilität. Die Gewinnmarge ist sehr dünn. Ein volatiler Markt kann das schnell drehen.
Ich: Was beunruhigt Sie besonders?
Bremer: Die Payables. Ein Anstieg von £45 Mio. auf £2,79 Mrd. ist massiv. Das ist systemisch – nicht operativ. Wenn hier etwas kippt, reden wir über Liquiditätsstress.
Ich: Und was heißt das für Kunden konkret?
Bremer: Im schlimmsten Fall:
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Preissteigerungen
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eingeschränkte Kulanz
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Risiko regulatorischer Eingriffe
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im Extremfall: erneute Marktverwerfungen wie bei früheren Energiepleiten
Ich: Aber das Unternehmen ist doch „corporate debt-free“?
Bremer: Formal ja. Aber Verbindlichkeiten sind Verbindlichkeiten. Und das EV-Geschäft bindet Kapital. Das ist bilanziell anspruchsvoll.
Ich: Ist das also ein wackeliges Geschäftsmodell?
Bremer: Nicht zwingend. Aber es ist hochkomplex und stark wachstumsgetrieben. Solche Modelle sind stabil – bis sie es nicht mehr sind.
Fazit: Welche Gefahren lauern für Kunden?
Potenzielle Risiken:
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Preisvolatilität bei Marktturbulenzen
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Abhängigkeit von staatlichen Mechanismen
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IT- und Cloud-Konzentrationsrisiken
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Liquiditätsdruck durch Großübernahmen
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Bewertungsrisiken durch Goodwill
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Restwertrisiko im EV-Geschäft
Noch ist das kein Alarmfall. Aber:
Das Unternehmen operiert mit hoher Geschwindigkeit, hoher Komplexität und geringer Marge in einem politisch sensiblen Markt.
Und genau das macht es anfällig.
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