Der Oberste Gerichtshof der USA (Supreme Court) hat am Montag, dem 7. Oktober, die Anhörung in einem Fall begonnen, der weitreichende Folgen für den Umgang mit sogenannten „Konversionstherapien“ haben könnte. Dabei geht es um die Frage, ob der US-Bundesstaat Colorado Psychotherapeutinnen und -therapeuten verbieten darf, Minderjährige dazu zu beraten, ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität zu ändern.
Im Mittelpunkt steht die Psychologin Kaley Chiles, die das Gesetz des Bundesstaates als Verstoß gegen das in der Verfassung garantierte Recht auf freie Meinungsäußerung (First Amendment) bezeichnet.
Mehrheit der Richter zeigt Skepsis gegenüber dem Verbot
Mehrere konservative Richter, darunter Samuel Alito und Amy Coney Barrett, äußerten Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Gesetzes. Alito sprach von „offensichtlicher Diskriminierung aufgrund einer bestimmten Meinung“, da Therapeuten Jugendlichen zwar helfen dürften, eine Transidentität zu akzeptieren – nicht aber, mit dem biologischen Geschlecht Frieden zu schließen.
Colorado argumentiert dagegen, das Verbot richte sich nicht gegen Meinungen, sondern gegen schädliche Behandlungen. Vertreterin des Staates, Shannon Stevenson, verwies auf zahlreiche Studien, die „Konversionstherapien“ als ineffektiv und psychisch schädlich einstufen. Eine groß angelegte Untersuchung mit über 34.000 Betroffenen habe gezeigt, dass Jugendliche, die solche „Therapien“ durchliefen, doppelt so häufig Suizidversuche unternahmen.
Streit um wissenschaftliche Grundlage
Die Anwälte von Chiles bestritten die Aussagekraft dieser Studien und warfen den Forschern „verzerrte Datenerhebung und Selbstselektion“ vor. Es gebe, so ihr Argument, keine Beweise, dass rein gesprächsbasierte Ansätze – also die von Chiles praktizierte Form – Schaden anrichteten.
Die liberalen Richterinnen, darunter Elena Kagan und Sonia Sotomayor, zeigten sich hingegen skeptisch gegenüber dem Freiheitsargument. Kagan verglich die Situation mit einem Arzt, der Patienten rät, „zum Senken des Cholesterins jeden Tag Kuchen zu essen“ – ein Beispiel für professionelle Fehlberatung, die der Staat regulieren dürfe.
Bundesregierung unterstützt Klägerin
Bemerkenswert ist, dass das Justizministerium unter Präsident Donald Trump sich in dem Verfahren auf die Seite der Klägerin Chiles gestellt hat. Regierungsanwalt Hashim Mooppan argumentierte, Colorado „mache eine Seite einer laufenden medizinischen Debatte mundtot“. Es gebe keine historische Grundlage, therapeutische Gespräche dieser Art gesetzlich zu verbieten.
Colorado und 25 weitere Bundesstaaten hatten in den letzten Jahren Gesetze gegen „Konversionstherapien“ erlassen, nachdem große medizinische Organisationen – darunter die American Psychiatric Association – diese als unwirksam und potenziell traumatisierend eingestuft hatten.
Vergleich zu anderen Fällen
Richterin Ketanji Brown Jackson verwies auf ein Urteil des Gerichts vom Juni 2025, bei dem ein Tennessee-Gesetz zum Verbot von Hormonbehandlungen und Pubertätsblockern für Minderjährige bestätigt wurde. Sie fragte, ob Colorado nicht ebenso das Recht habe, Therapien zum Thema Geschlechtsidentität zu regeln.
Mooppan erwiderte, der Unterschied bestehe darin, dass das Gesetz in Tennessee medizinische Eingriffe, das in Colorado jedoch sprachbasierte Beratung betreffe – und damit den Schutz der freien Rede einschränke.
Ausgang offen
Das Urteil wird in den kommenden Monaten erwartet. Sollte der Supreme Court das Gesetz aufheben, könnten ähnliche Verbote in über zwei Dutzend weiteren Bundesstaaten rechtlich ins Wanken geraten.
Für Befürworter gilt das Verbot als wichtiger Schutz für LGBTQ+-Jugendliche – für Kritiker als gefährlicher Eingriff in die Redefreiheit und therapeutische Selbstbestimmung.
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