Die Diskussion um eine mögliche KI-Blase hält seit über einem Jahr an – doch Nvidia, der derzeit wertvollste Tech-Konzern der Welt, sieht das anders. Mit einem erneuten Rekordquartal und optimistischen Prognosen versucht der Chiphersteller, die Sorgen zu zerstreuen. Ob das gelingt, bleibt fraglich.
Am Mittwoch meldete Nvidia ein Umsatz- und Gewinnwachstum von über 60 % im Vergleich zum Vorjahr – deutlich besser als von der Wall Street erwartet. Für das vierte Quartal rechnet das Unternehmen mit einem Umsatz von rund 65 Milliarden US-Dollar, ebenfalls über den Prognosen der Analyst:innen.
„Die Nachfrage ist jenseits aller Erwartungen“, sagte CEO Jensen Huang bei der Telefonkonferenz mit Analysten. Die Investitionen in KI-Infrastruktur weltweit sowie das Wachstum anderer KI-Giganten zeigten aus seiner Sicht klar: „Wir sehen keine Blase.“
Starke Zahlen, schwache Kursreaktion
Trotz der beeindruckenden Geschäftszahlen reagierte der Markt verhalten. Nach einem kurzen Kursanstieg rutschte die Aktie von Nvidia (NVDA) wieder ins Minus und schloss am Freitag rund 1 % tiefer – obwohl sie seit Jahresbeginn bereits 29 % im Plus liegt. Die Daten zeigen: Die Zweifel sind damit nicht ausgeräumt.
Nvidias Finanzchefin Colette Kress betonte, dass sie bis zum Ende des Jahrzehnts mit jährlichen Ausgaben von 3 bis 4 Billionen Dollar für KI-Infrastruktur rechne – aktuell seien es bereits über 400 Milliarden.
Zwischen Hype und Realität
Nvidia hat allen Grund, Vertrauen zu stärken: Nach zwei Jahren spektakulären Wachstums sind die Erwartungen riesig. Als dominanter Anbieter von Grafikprozessoren (GPUs), die für KI-Anwendungen essenziell sind, gilt das Unternehmen als Gradmesser der gesamten Branche.
Selbst wenn neue KI-Geschäftsmodelle noch nicht sofort Profit abwerfen, profitiert Nvidia bereits jetzt: Immer mehr bestehende Softwarelösungen – von Datenverarbeitung bis Simulationen – laufen mittlerweile auf GPUs statt klassischen CPUs, wie Huang erklärt.
Kress verwies zudem auf jüngste Erfolge von Partnerunternehmen: Bei Meta führen KI-gestützte Empfehlungen zu mehr Nutzeraktivität auf Facebook und Threads, Anthropic erwartet 7 Milliarden Dollar Jahresumsatz, und Salesforce berichtet, durch KI sei die Entwicklerproduktivität um 30 % gestiegen.
Auch Analyst:innen äußern sich optimistisch. Dan Ives von Wedbush bezeichnet die aktuelle Entwicklung als „Jahr 3 eines zehnjährigen Ausbaus der vierten industriellen Revolution“. Brian Colello von Morningstar sieht 2026 als „weiter starkes Jahr für Nvidia“ und hält die Kurskorrekturen für eine Kaufgelegenheit.
Doch Unsicherheiten bleiben
Trotz dieser Aussagen bleibt der Markt vorsichtig. Fraglich ist, ob die Tech-Konzerne ihre massiven Investitionen in KI-Infrastruktur durchhalten. Bedenken gibt es insbesondere, da Nvidia stark in junge, teils noch unprofitable Kunden wie OpenAI oder Anthropic investiert.
Irritation löste kürzlich auch eine Aussage von OpenAI-CFO Sarah Friar aus, wonach der Staat möglicherweise die Schulden der Branche absichern müsse. Zwar ruderte das Unternehmen später zurück, doch der Eindruck bleibt.
Zudem sorgt die enge Verflechtung zwischen Nvidia und seinen Großkunden – inklusive Vorfinanzierungen – für Fragen nach der Nachhaltigkeit des Wachstums.
„Die grundlegenden Sorgen wurden nicht ausgeräumt, nur vertagt“, sagt Daniel Morgan von Synovus Trust Company. „Es bleibt abzuwarten, ob der Boom langfristig trägt – oder zur nächsten Quartalsfrage wird.“
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