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Neustart nach dem Brexit: EU und Großbritannien suchen die strategische Nähe

Hidalgo (CC0), Pixabay
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Auf der Münchner Sicherheitskonferenz ist deutlich geworden, wie sehr sich die geopolitische Lage in Europa verändert hat. Zehn Jahre nach dem Brexit rücken Großbritannien und die Europäische Union wieder enger zusammen. Angesichts des Ukraine-Kriegs und einer zunehmend unberechenbaren US-Politik unter Präsident Donald Trump werben beide Seiten für mehr Eigenständigkeit – militärisch wie politisch.

Der britische Premierminister Keir Starmer machte in München unmissverständlich klar, dass Sicherheit in Europa nur gemeinsam zu gewährleisten sei. Großbritannien habe sich von der Phase der Abschottung entfernt. Es gebe keine britische Sicherheit ohne Europa und keine europäische Sicherheit ohne Großbritannien. Die Zeiten verlangten nach „Hard Power“, also der Fähigkeit, eigene Interessen militärisch und wirtschaftlich durchzusetzen. Abschreckung sei die Währung der Gegenwart, sagte Starmer. Europa müsse bereit sein, Aggression zu begegnen – notfalls auch militärisch.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schlug in dieselbe Kerbe. Auch sie plädierte für eine selbstbewusstere und militärisch stärkere EU, die sich nicht allein auf den transatlantischen Schutz verlässt. Zwar betonte sie die Bedeutung der Partnerschaft mit den USA, doch Europa müsse unabhängiger werden. Im Zentrum ihrer Überlegungen steht die europäische Beistandsklausel, festgeschrieben in Artikel 42 Absatz 7 des EU-Vertrags. Dieses Versprechen gegenseitiger Unterstützung sei keine Option, sondern eine Verpflichtung – es müsse nun mit Leben gefüllt werden.

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte sich bereits zuvor für eine stärkere Ausgestaltung dieser europäischen Verteidigungsverpflichtung ausgesprochen. Gemeinsam mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron brachte er zudem Gespräche über einen möglichen europäischen Nuklearschirm ins Spiel. Macron deutete an, dass die nukleare Abschreckung neu justiert werden müsse, um gegenüber Russland glaubwürdig zu bleiben.

Parallel dazu warb US-Außenminister Marco Rubio in München für eine enge Zusammenarbeit mit Europa und sprach von einem möglichen „neuen westlichen Jahrhundert“. Zugleich machte er deutlich, dass Washington von Europa politische Kurskorrekturen erwartet – etwa in Handels- und Migrationsfragen. Die Rede wurde zwar moderater aufgenommen als frühere Auftritte amerikanischer Vertreter, ließ jedoch erkennen, wie groß die Differenzen in zentralen Fragen von Völkerrecht und internationaler Ordnung sind.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Annäherung zwischen London und Brüssel an Bedeutung. Von der Leyen betonte, dass Europa und Großbritannien in Zeiten globaler Unsicherheit enger zusammenrücken müssten – bei Sicherheit, Wirtschaft und der Verteidigung demokratischer Werte. Der Brexit mag die Institutionen getrennt haben, doch strategisch sind beide Seiten offenbar wieder näher zusammengerückt.

Die Münchner Konferenz zeigt damit eine neue Dynamik: Europa sucht seine Rolle in einer Welt, in der die amerikanische Schutzgarantie nicht mehr selbstverständlich erscheint. Großbritannien will dabei wieder ein zentraler Partner sein. Die kommenden Jahre dürften zeigen, ob aus den Worten von München eine belastbare sicherheitspolitische Architektur entsteht.

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