NATO-Generalsekretär Mark Rutte hat Europa eindringlich davor gewarnt, sich auf eigene militärische Fähigkeiten ohne Unterstützung der USA zu verlassen. In einer Rede vor dem Europäischen Parlament in Brüssel sagte Rutte am Montag:
„Wenn hier jemand denkt, die Europäische Union oder Europa insgesamt könne sich ohne die USA verteidigen – weiterträumen. Es geht nicht. Wir können es nicht. Wir brauchen einander.“
Rutte wies darauf hin, dass europäische Staaten ihre Verteidigungsausgaben drastisch auf bis zu 10 % des Bruttoinlandsprodukts erhöhen müssten, wenn sie wirklich unabhängig agieren wollten. Zudem wäre der Aufbau eigener nuklearer Fähigkeiten erforderlich – ein Schritt, der mit enormen Kosten verbunden wäre.
„In diesem Szenario verliert ihr den ultimativen Garanten unserer Freiheit – den nuklearen Schutzschirm der USA. Also viel Glück dabei“, fügte Rutte mit deutlicher Ironie hinzu.
Spannungen nach Trumps Vorstoß zu Grönland
Die Aussagen des NATO-Chefs erfolgen in einer Woche voller diplomatischer Spannungen in Europa. US-Präsident Donald Trump hatte erneut öffentlich sein Interesse am Erwerb Grönlands bekräftigt – eine Forderung, die bereits 2019 für Irritationen gesorgt hatte. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos betonte Trump jedoch, dass er „keine Gewalt anwenden“ werde, um das arktische Gebiet zu annektieren.
Rutte lobte Trump überraschend für dessen sicherheitspolitische Thematisierung des Arktisraums:
„Ich denke, er hat recht. Es gibt ein Problem in der Arktis. Es geht um kollektive Sicherheit, denn die Seewege öffnen sich, und sowohl China als auch Russland sind dort zunehmend aktiv.“
NATO will Arktis verteidigen – Grönland bleibt Streitpunkt
Der NATO-Generalsekretär skizzierte zwei Handlungsstränge für die Zukunft: Erstens soll das Verteidigungsbündnis mehr kollektive Verantwortung für die Sicherheit in der Arktis übernehmen, um Russlands und Chinas Einfluss in der Region einzudämmen. Zweitens sollen trilaterale Gespräche zwischen den USA, Dänemark und Grönland fortgeführt werden.
Rutte betonte, dass er in diesen Verhandlungen keine Rolle spiele und keine Befugnis habe, im Namen Dänemarks zu handeln.
Bereits Anfang des Monats trafen sich Dänemarks Außenminister Lars Løkke Rasmussen und die grönländische Außenministerin Vivian Motzfeld mit US-Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio in Washington. Rasmussen beschrieb das Treffen als „konstruktiv“, räumte jedoch ein, dass ein „grundlegender Dissens“ bestehen bleibe.
In Davos traf Rutte schließlich persönlich mit Trump zusammen. Der US-Präsident behauptete anschließend, man habe einen Rahmen für ein mögliches Grönland-Abkommen gefunden – und er werde deshalb keine Strafzölle mehr gegen europäische Länder verhängen, die seine Pläne zuvor kritisiert hatten.
Was genau in diesem Rahmenabkommen steht und welche Rolle Rutte darin tatsächlich spielt, bleibt bislang unklar. Doch die unerwartete diplomatische Wendung rückt den NATO-Chef erneut ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit.
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