Seit mehr als 26 Jahren leben Bill und Hillary Clinton in der wohlhabenden, bewaldeten Gemeinde rund 55 Kilometer nördlich von Manhattan. Der Ort wurde zur Kulisse ihres Lebens nach dem Weißen Haus – und zum Ausgangspunkt von Hillary Clintons eigener politischer Karriere: als US-Senatorin für New York, Außenministerin und zweimalige Präsidentschaftskandidatin.
Auch ihre historische Nominierungsrede auf dem Parteitag der Demokraten 2016 hielt Clinton per Satellit aus dem beliebten Restaurant und Gasthof „Crabtree’s Kittle House“ in Chappaqua. Zwei Tage nach ihrer Wahlniederlage gegen Donald Trump ging zudem ein Foto viral, das sie und Bill Clinton bei einem Spaziergang in den Wäldern hinter ihrem Haus zeigte – für viele ein Symbol von Durchhaltevermögen.
Mehr als ein Jahrzehnt später rückte die Politik erneut in den Mittelpunkt: Am 26. Februar sagte Hillary Clinton auf Vorladung und hinter verschlossenen Türen im Chappaqua Performing Arts Center vor Abgeordneten aus. Thema waren die Beziehungen des Ehepaars zum verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein und zu dessen verurteilter Komplizin Ghislaine Maxwell.
Das Kulturzentrum liegt weniger als einen Kilometer vom weitläufigen weißen Wohnhaus der Clintons entfernt, das sich auf dem früheren Gelände des „Reader’s Digest“-Verlags befindet, heute ein gemischt genutzter Komplex aus Einzelhandel, Büros und Wohnungen.
An diesem ruhigen, verschneiten Donnerstag gingen die Menschen in Chappaqua ihrem Alltag nach: Kaffee holen, zur Arbeit gehen, Einkäufe erledigen. Neugierige Schaulustige waren trotz der nationalen Medienaufmerksamkeit nicht zu sehen. Die Clintons sind im Ort präsent – beim Spaziergang mit ihren Hunden, bei Starbucks oder im örtlichen Supermarkt. Auch beim jährlichen Memorial-Day-Umzug nehmen sie regelmäßig teil.
Doch Meinungen zur Aussage Clintons gab es in der überwiegend demokratisch geprägten Gemeinde viele.
„Als politisches Bauernopfer benutzt“
Die Stadträtin von New Castle, Jennifer Naparstek Klein, begrüßte es, dass die Gemeinde Vorkehrungen getroffen habe, um „diesen erzwungenen Prozess für Secretary Clinton so bequem wie möglich“ zu gestalten, indem die Anhörung in Wohnortnähe stattfinden konnte.
Zugleich zeigte sie sich verärgert über das Vorgehen des Kongresses. Dieses sei eine „bewusst irreführende Inszenierung“ und ein Angriff auf die Integrität von Frauen im Land. Es sei „absurd“, dass sich der Justizminister nicht mit Präsident Donald Trump befasse. „Stattdessen wird Secretary Clinton wieder einmal als Bauernopfer benutzt, um von Donald Trumps Fehlverhalten abzulenken“, sagte sie.
Trump und Epstein waren in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren miteinander bekannt, zerstritten sich später jedoch. Trump bestreitet jede Beteiligung an strafbarem Verhalten und betont, er sei „entlastet“ worden.
Der republikanische Abgeordnete James Comer aus Kentucky, der die Untersuchung leitet, erklärte, man wolle klären, wie Epstein sein Vermögen aufgebaut und sein Netzwerk aus einflussreichen Persönlichkeiten geknüpft habe. Zudem gehe es um Spenden Epsteins an die Clinton-Stiftung sowie um die Teilnahme Ghislaine Maxwells an der Hochzeit der Tochter der Clintons.
„Die ganze Wahrheit muss ans Licht“
Bill Clinton, Präsident von 1993 bis 2001, hat erklärt, er habe von Epsteins mutmaßlichen Straftaten nichts gewusst. Nach Angaben Comers soll Epstein das Weiße Haus während Clintons Amtszeit 16 Mal besucht haben.
Während ihrer Aussage warf Hillary Clinton den Abgeordneten vor, eine „fishing expedition“ – also eine wahllose Suche nach belastendem Material – zu betreiben, statt Vertreter des Justizministeriums zu befragen, die es versäumt hätten, gegen Epstein vorzugehen.
Steven Sabbagh, der sich bei Starbucks aufhielt, begrüßte, dass Clinton aussagen musste. „Ich finde, die ganze Wahrheit sollte ans Licht kommen. Die Opfer tun mir unendlich leid“, sagte er. Er hoffe, dass alle Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen würden. „Wir sind es leid, dass die Justiz manipuliert wird.“
Heather Smith, Absolventin der Cornell University, betonte, das Thema dürfe nicht parteipolitisch instrumentalisiert werden. Als Frau, die selbst sexualisierte Gewalt erlebt habe, wünsche sie sich Transparenz und Verantwortlichkeit. „Egal ob Bill Clinton, Donald Trump oder irgendjemand, der in den Epstein-Akten genannt wird – alle sollten schwierige Fragen beantworten und zur Verantwortung gezogen werden.“
Tim Gomes, IT-Experte aus Mount Kisco, bezeichnete sich als politisch unabhängig. Er glaube Hillary Clinton, wenn sie sage, sie wisse wenig über die Vorgänge. Bei der geplanten Aussage Bill Clintons am 27. Februar wolle er jedoch genau hinsehen. „Wir müssen der Sache auf den Grund gehen. Jeder sollte zur Verantwortung gezogen werden.“
Betty Cotton, die Hillary Clinton seit Jahrzehnten kennt und sie bereits im Senatswahlkampf unterstützte, nannte die Anhörung eine „Farce“. Clinton sei eine „Kämpferin“, dass sie sich dem Verfahren stelle. „Wird Trump das auch tun?“, fragte sie.
Die Anhörungen erfolgen nach der Veröffentlichung von rund drei Millionen Seiten aus den Ermittlungsakten im Fall Epstein durch das Justizministerium. Weitere Millionen Dokumente sind weiterhin unter Verschluss.
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