Mit dem Auslaufen des Strategic Arms Reduction Treaty (START) zwischen den USA und Russland ist Anfang 2026 eine sicherheitspolitische Zäsur erreicht. Erstmals seit über 50 Jahren existieren keine verbindlichen nuklearen Rüstungskontrollen mehr zwischen den beiden größten Atommächten der Welt. Diese Entwicklung wirft drängende Fragen auf: Droht eine neue Phase des nuklearen Wettrüstens – und wie groß ist die Gefahr eines neuen Kalten Krieges?
Der START-Vertrag, der 2010 unterzeichnet wurde, begrenzte die Zahl strategischer Nuklearwaffen auf beiden Seiten. Maximal 1.550 einsatzbereite Sprengköpfe und 700 Trägersysteme waren erlaubt. Diese Regelungen sorgten nicht nur für Transparenz und gegenseitige Kontrolle, sondern reduzierten auch Kosten, Misstrauen und das Risiko einer Eskalation. Mit dem Ende des Vertrags fallen diese sogenannten „Leitplanken“ nun weg.
Der Sicherheitsexperte Ankit Panda vom Carnegie Endowment for International Peace warnt vor einer neuen Ära erhöhter Komplexität. Zwar existiert mit dem Atomwaffensperrvertrag (NPT) weiterhin ein internationales Abkommen zur Eindämmung der Weiterverbreitung von Atomwaffen, doch klassische bilaterale Rüstungskontrolle befindet sich klar im Rückzug. Gleichzeitig gewinnen Atomwaffen weltweit wieder an strategischer Bedeutung – nicht nur in den USA und Russland, sondern auch in China, das sein Arsenal kontinuierlich ausbaut.
Besonders problematisch ist die geopolitische Lage: Der Krieg in der Ukraine belastet die Beziehungen zwischen Washington und Moskau massiv, während China kein Interesse an trilateralen Abrüstungsverhandlungen zeigt. Pekings Position ist klar: Solange die USA und Russland über ein Vielfaches an Nuklearwaffen verfügen, sieht China keinen Anreiz, sich an Begrenzungen zu beteiligen. Dadurch geraten neue Abkommen zunehmend außer Reichweite.
Auch andere Krisenherde verschärfen die Lage. Iran steht kurz vor der Fähigkeit zum Bau einer Atombombe, Nordkorea verfügt bereits über ein einsatzfähiges Arsenal, und zwischen Indien und Pakistan kam es zuletzt zu gefährlichen militärischen Eskalationen. All diese Faktoren erhöhen das Risiko, dass nukleare Abschreckung versagt – sei es durch Fehlkalkulation, technische Pannen oder politische Fehlentscheidungen.
Das schlimmste Szenario bleibt der tatsächliche Einsatz von Atomwaffen, erstmals seit 1945. Doch Panda betont auch die andere Seite: Seit über acht Jahrzehnten ist es der Menschheit gelungen, diese Waffen nicht einzusetzen. Die beste Perspektive liegt daher in neuen Formen der Zusammenarbeit – nicht unbedingt in klassischen Verträgen, sondern in Absprachen zur Risikominimierung, Transparenz und Kommunikation.
Ob die Welt diesen gefährlichen Übergang meistert, hängt letztlich vom politischen Willen der Großmächte ab. Klar ist: Nach dem Ende von START ist nukleare Sicherheit wieder ein zentrales Thema der globalen Politik – und eines, das nicht ignoriert werden darf.
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