Einst schwang er die Kettensäge wie ein Prophet den Hirtenstab: Javier Milei, Argentiniens selbsternannter Erzengel des Ultraliberalismus, zog mit dem Versprechen in den Wahlkampf, den Staat in seine Einzelteile zu zerlegen – idealerweise in handliche Stücke, verpackt in Zellophan und marktfähig. Nun, ein Dreivierteljahr später, scheint die Motorsäge stumpf geworden zu sein. Oder das Volk taub.
Bei den Provinzwahlen in Buenos Aires – ausgerechnet im bevölkerungsreichsten Wahlbezirk – setzte es eine deftige Ohrfeige: 34 Prozent für Mileis Partei, 47 Prozent für die verhassten Peronisten, die er eigentlich für immer beerdigen wollte. Offenbar lebt der Populismus von gestern noch, und zwar ziemlich gut.
„Reformen“ nach dem Prinzip: Erst zerstören, dann rechnen
Seit seinem Amtsantritt im Dezember 2023 hat Milei ein Sparprogramm durchgezogen, das selbst Thatcher nervös gemacht hätte. Gekürzt wurden: Renten, Subventionen, Bildungsbudgets, Gesundheitsausgaben, Sozialprogramme, Kulturförderung – ach ja, und Feiertage wurden auch überdacht. Gekürzt wurde alles, was irgendwie nach Gesellschaft roch. Die Kettensäge wurde zum Markenzeichen, die Mittelschicht zum Kollateralschaden.
Doch nun scheint selbst die neoliberale Glaubensgemeinde zu murren. Denn wo sich Investoren Diskretion und Flexibilität wünschen, liefert Milei Radikalität auf Speed – ohne Mehrheit im Parlament, dafür mit Vetos, Korruptionsskandalen (Stichwort: Schwester Karina), und einem politischen Stil, der irgendwo zwischen Marktschreier und Endzeitprediger schwankt.
Zahlen, die zählen sollen – und solche, die lieber nicht auffallen
Offiziell vermeldet die Regierung: Inflation halbiert, Armutsquote rückläufig, Haushalt mit Überschuss. Klingt gut, oder?
Blöd nur, dass die Berechnungsgrundlagen veraltet sind, so Kritiker. Die offizielle Inflationsrate etwa basiert auf einem Warenkorb aus der Ära, als Strom, Wasser und der Bus noch 50 Cent gekostet haben – sprich: vor der neoliberalen Apokalypse. In der Realität schlagen sich Millionen Haushalte plötzlich mit Verbraucherkosten auf Industrieland-Niveau herum, bei Einkommen im Schrumpfmodus.
Stabilisierung – aber bitte nur für Märkte
Natürlich lobt der Internationale Währungsfonds Mileis Kurs. Die Börsen jubeln, Dollar fließen. Doch wie der Wirtschaftsforscher Javier Florez Mendoza trocken anmerkt: „Marktorientierte Reformen sind in ihrer Fähigkeit, nachhaltiges Wachstum zu erzeugen, eingeschränkt.“ Oder einfacher gesagt: Blumen wachsen schlecht auf verbrannter Erde.
Tatsächlich stagniert die wirtschaftliche Aktivität, der Konsum ist eingebrochen, die soziale Ungleichheit explodiert – aber hey, der Peso ist stabil und das Vertrauen der Märkte intakt. Wer braucht schon Menschen, wenn man Kapitalströme hat?
Das Volk murrt – aber Milei beschleunigt
Statt innezuhalten, kündigt Milei an, seinen Kurs noch zu beschleunigen. Frei nach dem Motto: Wenn der Patient bei der Therapie stirbt, war das Immunsystem schuld.
Die nächste Feuerprobe kommt im Oktober bei den Teilparlamentswahlen – bisher hat Milei weder im Abgeordnetenhaus noch im Senat eine eigene Mehrheit. Das Wahlergebnis in Buenos Aires lässt erahnen: Das wird wohl auch so bleiben.
Aber vielleicht braucht man in diesem „Versuchslabor des Libertarismus“ ja gar keine parlamentarische Mehrheit – sondern nur genug Willen, um mit der Kettensäge durchzuregieren, notfalls auch im Dunkeln.
Fazit: Mehr Markt, weniger Mensch
Argentinien steht am Scheideweg: Zwischen ökonomischer Orthodoxie mit Kurs auf den Weltmarkt – und einer Bevölkerung, die sich fragt, wie man mit einer Marktlogik satt wird. Milei hat gezeigt, was passiert, wenn man ein Land behandelt wie ein angeschlagenes Unternehmen auf der Suche nach einem Private-Equity-Deal.
Die Rechnung dafür wird kommen. Und wer sie zahlt, steht schon jetzt fest: nicht die Märkte.
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