Die geplante „Made in Europe“-Strategie der Europäischen Union sorgt in London für Unruhe. Der britische Europaminister Nick Thomas-Symonds warnt davor, dass strengere Vorgaben zur Bevorzugung europäischer Produkte Lieferketten belasten und die Kosten für Unternehmen erhöhen könnten.
Die EU arbeitet derzeit an neuen Gesetzen, nach denen bei öffentlichen Aufträgen und bestimmten Förderprogrammen Produkte „made in Europe“ bevorzugt werden sollen. Ziel ist es, die Abhängigkeit von Importen – etwa aus China oder den USA – zu verringern und strategisch wichtige Branchen in Europa zu stärken.
Sorge um eng verflochtene Lieferketten
Thomas-Symonds äußerte bei einer Wirtschaftsveranstaltung in Madrid die Befürchtung, dass zu strikte Herkunftsvorgaben die eng integrierten Lieferketten zwischen Großbritannien und EU-Staaten stören könnten. Gerade Industrien mit grenzüberschreitender Produktion – etwa zwischen Großbritannien und Spanien – wären betroffen.
„Wir stehen vor denselben Herausforderungen bei Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität“, betonte der Minister. Großbritannien sei der viertgrößte Investor in Spanien. Man solle wirtschaftliche Probleme nicht durch zusätzliche Handelshemmnisse verschärfen.
EU setzt auf strategische Sektoren
Auf einem Gipfel in Belgien hatten die EU-Staaten Anfang Februar grünes Licht für eine stärkere „Buy European“-Ausrichtung gegeben. Laut Ratspräsident António Costa sollen insbesondere Verteidigung, Raumfahrt, saubere Technologien, Quantenforschung, Künstliche Intelligenz und Zahlungssysteme geschützt werden.
Hintergrund ist die Sorge um Europas Wettbewerbsfähigkeit – verschärft durch den Wegfall russischer Gaslieferungen 2022, steigende Energiekosten sowie wachsenden Druck durch US-Zölle unter Donald Trump und stark subventionierte Exporte aus China.
Großbritannien außen vor
Der aktuelle Entwurf der „Made in Europe“-Strategie umfasst die 27 EU-Mitgliedstaaten sowie die Länder des Europäischen Wirtschaftsraums – Island, Norwegen und Liechtenstein. Großbritannien ist bislang nicht Teil des Plans. Die EU betonte jedoch, dass „vertrauenswürdige Partner“ künftig einbezogen werden könnten.
Während Frankreich die Initiative seit Langem unterstützt, gibt es auch innerhalb der EU Skepsis. Länder wie Deutschland und Italien – mit global aufgestellten Industriekonzernen – warnen vor zu engen Regeln. Bundeskanzler Friedrich Merz und Italiens Premierministerin Giorgia Meloni plädieren zugleich für mehr Deregulierung.
Neuer Balanceakt nach dem Brexit
Für die Regierung von Premierminister Keir Starmer ist das Thema heikel. Nach dem im Mai vereinbarten „Reset“-Abkommen mit Brüssel bemüht sich London um engere wirtschaftliche Beziehungen zur EU. Sektorale Abkommen und eine stärkere regulatorische Annäherung stehen im Raum – stoßen jedoch innenpolitisch auf Widerstand.
Ende des Monats will die EU-Kommission ihr „Industrial Accelerator Act“ vorstellen. Erwartet werden konkrete Quoten für europäische Wertschöpfung bei strategischen Produkten wie Solarpaneelen oder Elektroautos.
Ob „Made in Europe“ Europas Industrie stärkt – oder neue Handelskonflikte auslöst – dürfte sich bald zeigen.
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