Lindsey Martin aus Kentucky konnte es kaum glauben, als ihre Stromrechnung im Juli 314 Dollar betrug – die höchste in diesem Jahr. Einen Monat später stieg sie sogar auf 372 Dollar. Zum Vergleich: Noch vor wenigen Jahren lag ihre monatliche Rechnung bei etwa 150 Dollar.
In den sozialen Medien berichten Tausende von ähnlich drastischen Preissprüngen – und viele fragen sich: Ist die Künstliche Intelligenz (KI) mit Schuld daran?
Strompreise steigen – und das schneller als die Inflation
Laut der US-Energiebehörde (EIA) sind die Strompreise in den USA seit 2022 um 13 % gestiegen – und damit schneller als die Inflationsrate. Besonders betroffen sind Regionen wie der Pazifik, Neuengland und der Mittlere Atlantik.
Die Hauptgründe für die steigenden Preise:
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Investitionen in die Stromnetzinfrastruktur,
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Klimawandelbedingte Schäden und
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die zunehmende Umstellung auf Elektroheizungen und Industrieanlagen.
Aber es gibt noch eine weitere, neue Ursache, die laut Expert:innen zunehmend ins Gewicht fällt: Die rasante Verbreitung von Künstlicher Intelligenz.
Der KI-Boom frisst Energie – viel Energie
Technologie-Giganten wie Microsoft, Meta und OpenAI investieren Milliarden in KI – und damit auch in Rechenzentren, die gewaltige Mengen an Strom verbrauchen.
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Microsoft gab allein im zweiten Quartal 2025 über 24 Milliarden Dollar für Rechenzentren und Infrastruktur aus.
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Meta investierte rund 17 Milliarden Dollar.
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Ein neues Projekt von OpenAI und Broadcom sieht die Entwicklung von KI-Chips vor, die 10 Gigawatt Leistung benötigen – genug, um eine ganze Großstadt zu versorgen.
Laut US-Energieministerium könnten Rechenzentren bis 2028 bis zu 12 % des US-Strombedarfs verschlingen – fast dreimal so viel wie 2023.
In Gegenden mit vielen Rechenzentren sind die Strompreise laut Bloomberg-Analyse um bis zu 267 % gestiegen – im Vergleich zu vor fünf Jahren.
Netze am Limit – Kosten für Verbraucher:innen steigen
„Die Strominfrastruktur kann mit dieser Geschwindigkeit kaum mithalten“, warnt Bob Johnson vom Analyseunternehmen Gartner. Es fehle an Investitionen in neue Kraftwerke und Übertragungsnetze.
Besonders kritisch: Die aktuelle Strompreisstruktur berücksichtigt oft nicht, wie stark Rechenzentren das Netz belasten. Das bedeutet: Private Haushalte zahlen anteilig mit.
Oregon hat als erstes Bundesland ein Gesetz erlassen, das Rechenzentren verpflichtet, ihren echten Stromverbrauch voll zu zahlen, damit nicht die Allgemeinheit belastet wird. In den meisten Regionen fehlt aber eine solche Regelung.
Warum KI so stromhungrig ist
KI-Modelle sind extrem rechenintensiv. Moderne Anwendungen können mittlerweile in Sekunden ganze Websites erstellen oder realistische Videos generieren – was massiv mehr Energie benötigt als etwa das Beantworten einfacher Textanfragen.
„Das ist ein ganz anderes Niveau an Rechenaufwand“, erklärt Shaolei Ren, Professor für Elektro- und Computertechnik an der University of California.
Was steckt eigentlich in der Stromrechnung?
Strompreise setzen sich in den USA (ähnlich wie in Europa) zusammen aus:
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Erzeugungskosten
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Transport und Verteilung
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Investitionen in Infrastruktur
Großabnehmer – wie Rechenzentren – zahlen in der Regel geringere Tarife, da sie zentral versorgt werden und die Verteilung weniger aufwendig ist. Dass sie aber enorme Belastungen im Netz verursachen, wird bislang nicht ausreichend eingepreist, so Johnson.
Fazit: Ja, KI trägt zur Strompreissteigerung bei – aber sie ist nicht allein schuld
Die wachsende Nachfrage durch KI-Rechenzentren ist ein neuer, ernstzunehmender Treiber für höhere Stromkosten – vor allem regional, wo viele Rechenzentren entstehen. Doch sie ist nicht der einzige Faktor: Auch Klimaschäden, veraltete Netze und der Wandel zu E-Mobilität und Elektroheizungen treiben die Kosten.
Entscheidend ist, ob die Politik nachzieht und sicherstellt, dass nicht private Haushalte für den KI-Boom bezahlen, sondern dass große Energieverbraucher ihren gerechten Anteil tragen.
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