Die britische Regierung hat das umstrittene Chagos-Abkommen mit Mauritius entschieden verteidigt, nachdem US-Präsident Donald Trump in einem Social-Media-Beitrag scharfe Kritik daran geäußert und das Abkommen als „Akt großer Dummheit“ bezeichnet hatte. Trump erklärte außerdem, das Abkommen zeige „totale Schwäche“ – obwohl er selbst das Abkommen im vergangenen Jahr noch mitgetragen hatte.
Trump widerspricht eigener Regierung – und stellt Verbindung zu Grönland her
In einem Beitrag auf „Truth Social“ schrieb Trump am Dienstag:
„Schockierenderweise plant unser brillanter NATO-Verbündeter, das Vereinigte Königreich, aktuell die Abgabe der Insel Diego Garcia – dem Standort einer wichtigen US-Militärbasis – an Mauritius. Und das völlig ohne Grund.“
Er fügte hinzu, dass „China und Russland diese Schwäche zweifellos bemerkt haben“ und verband die Kritik erneut mit seiner Forderung, die USA müssten Grönland kontrollieren, um ihre nationale Sicherheit zu gewährleisten.
Regierung Sunak: Sicherheit ist nicht verhandelbar
Ein Sprecher von Premierminister Rishi Sunak reagierte prompt: „Wir würden niemals unsere nationale Sicherheit kompromittieren.“ Man habe das Abkommen abgeschlossen, um die lange Zukunft der US-UK-Basis auf Diego Garcia zu sichern, nachdem Gerichtsurteile die britische Rechtsposition zunehmend geschwächt hatten.
Das Abkommen sieht vor, dass Großbritannien die Souveränität über die Chagos-Inseln an Mauritius abtritt, aber die Kontrolle über die strategisch wichtige Militärbasis auf Diego Garcia für 99 Jahre zurückleast. Die Kosten: rund £101 Millionen jährlich, bei einem Gesamtvolumen von £3,4 Milliarden.
Starmer bot Trump Veto-Recht an – dieser stimmte damals zu
Noch im Februar 2025 hatte Premierminister Sir Keir Starmer das Vorhaben persönlich mit Trump im Oval Office besprochen. Trump zeigte sich damals einverstanden, ebenso wie US-Außenminister Marco Rubio, der das Abkommen später als „monumentalen Erfolg“ bezeichnete.
Jetzt allerdings scheint Trump seine Haltung geändert zu haben – möglicherweise im Zuge wachsender geopolitischer Spannungen mit Europa. Der britische Außenstaatssekretär Stephen Doughty kündigte an, man werde mit dem US-Präsidenten über die Hintergründe des Abkommens sprechen, um Missverständnisse auszuräumen.
Innenpolitischer Streit in London: Von „Sabotage“ bis „trollen“
Auch innerhalb Großbritanniens sorgt das Abkommen für politischen Streit.
Oppositionsführer der Reform UK, Nigel Farage, schrieb auf X:
„Gott sei Dank hat Trump die Übergabe der Chagos-Inseln gestoppt.“
Die konservative Parteivorsitzende Kemi Badenoch nannte den Deal einen Akt der „Selbstsabotage“. Die Liberal Democrats warfen Starmer vor, mit seiner Strategie gegenüber Trump „gescheitert“ zu sein.
Emily Thornberry, Labour-Abgeordnete und Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses, zeigte sich hingegen gelassen. Trumps Äußerungen seien „nicht wörtlich, aber ernst zu nehmen“. Sie sprach von „presidential trolling“ und rief zur Ruhe auf.
Mauritius bleibt gelassen – Chagossians wollen Mitsprache
Mauritius selbst hält am Abkommen fest. Generalstaatsanwalt Gavin Glover betonte, das Abkommen sei „exklusiv zwischen dem Vereinigten Königreich und Mauritius verhandelt und unterzeichnet“ worden und entspreche der internationalen Rechtslage. Die Souveränität über die Chagos-Inseln sei eindeutig geklärt, sagte er.
Kritik kam allerdings von Chagossianerinnen im Exil. Zwei Frauen, Bernadette Dugasse und Bertrice Pompe, geboren auf Diego Garcia, fordern Mitspracherecht bei der Zukunft der Inseln. Dugasse sagte dem BBC:
„Ich will, dass der Deal gestoppt wird. Wir sollten mit am Tisch sitzen, wenn es um unsere Heimat geht.“
Hintergrund: Ein koloniales Erbe mit globaler Brisanz
Die Chagos-Inseln, ein entlegener Archipel im Indischen Ozean, wurden 1965 von Mauritius abgetrennt – damals noch britische Kolonie. Großbritannien errichtete zusammen mit den USA die strategisch bedeutende Militärbasis Diego Garcia. Dafür wurden tausende Bewohner*innen zwangsweise umgesiedelt. Der Internationale Gerichtshof urteilte 2019, Großbritannien müsse die Inseln an Mauritius zurückgeben – die Entscheidung war jedoch nicht bindend, sorgte aber international für Druck auf London.
Fazit:
Trumps Kehrtwende stellt das ohnehin heikle Abkommen erneut auf den Prüfstand – nicht nur sicherheitspolitisch, sondern auch symbolisch: Als Test für die Zukunft des transatlantischen Verhältnisses, für das koloniale Erbe Großbritanniens – und für die Glaubwürdigkeit internationaler Vereinbarungen.
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