Das Seenotrettungsschiff „Ocean Viking“, betrieben von der Hilfsorganisation SOS Mediterranee, ist im Mittelmeer unter Beschuss geraten. Nach Angaben der NGO feuerte die libysche Küstenwache in internationalen Gewässern Hunderte Schüsse auf das Schiff ab, während sich bereits 87 gerettete Migranten und Migrantinnen an Bord befanden.
Angriff auf hoher See
Die Organisation veröffentlichte auf der Plattform X (vormals Twitter) Fotos von Patronenhülsen und zerstörten Bullaugen, die den Angriff belegen sollen. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. „Die Menschen an Bord sind wohlauf, doch der Angriff hätte katastrophale Folgen haben können“, erklärte SOS Mediterranee.
Nach Angaben der Crew habe die „Ocean Viking“ kurz zuvor ein überfülltes Schlauchboot mit Geflüchteten vor der libyschen Küste gerettet, als das Schiff von der libyschen Küstenwache verfolgt und beschossen wurde.
Zielhafen Italien
Nach dem Zwischenfall befindet sich die „Ocean Viking“ nun auf dem Weg nach Italien. Das Innenministerium in Rom wies der NGO das Anlaufen des Hafens Marina di Carrara in der Toskana zu.
Brisante politische Dimension
Der Vorfall wirft erneut ein Schlaglicht auf die enge Zusammenarbeit zwischen der EU und der libyschen Küstenwache, die seit Jahren umstritten ist. Menschenrechtsorganisationen kritisieren, dass Libyen trotz wiederholter Vorwürfe schwerer Menschenrechtsverletzungen im Umgang mit Geflüchteten weiterhin finanzielle Unterstützung und Ausrüstung von der Europäischen Union erhält, um die Migration über das Mittelmeer einzudämmen.
Dass die Küstenwache nun sogar in internationalen Gewässern ein ziviles Rettungsschiff unter Beschuss genommen haben soll, verschärft die Kritik erheblich.
Forderung nach Konsequenzen
SOS Mediterranee forderte umgehend eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls und Schutz für zivile Seenotretter. „Die Europäische Union muss endlich dafür sorgen, dass ihre Partner an internationales Recht gebunden sind und die Rettung von Menschenleben nicht zur Zielscheibe wird“, so die Organisation.
Auch Beobachter weisen darauf hin, dass ein Angriff auf ein ziviles Schiff in internationalen Gewässern völkerrechtlich hoch problematisch ist und diplomatische Spannungen zwischen Libyen, Italien und der EU auslösen könnte.
Hintergrund
Die „Ocean Viking“ ist eines der wenigen verbliebenen zivilen Rettungsschiffe im Mittelmeer. Immer wieder gerät sie in Konflikt mit den Behörden, sei es wegen bürokratischer Auflagen, Festsetzungen in italienischen Häfen oder nun durch direkte Angriffe. Der Vorfall reiht sich in eine Serie zunehmender Gefahren für NGOs ein, die Menschen auf der zentralen Mittelmeerroute vor dem Ertrinken retten.
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