Es gibt Städte, in denen Feuerwehrleute als Helden gelten. Und dann gibt es Taucha. Dort scheint man eine revolutionäre Idee entwickelt zu haben:
Wenn es brennt, sollte die Feuerwehr bitte langsam fahren. Sehr langsam. Am besten Schrittgeschwindigkeit.
Der Fall des Feuerwehrmannes Ray Lange ist ein wunderbares Beispiel für moderne Verwaltungseffizienz. Der Mann fährt mit Blaulicht und Martinshorn zu einem Einsatz, weil eine Brandmeldeanlage ausgelöst hat und das erste Fahrzeug unterbesetzt ist. Für jeden normalen Menschen klingt das nach: Gefahr im Verzug.
Für die Bürokratie klingt das offenbar eher nach: Tempo-30-Zone, Baustelle, Radarfallenpotenzial.
Also blitzt der Blitzer. Und ein paar Wochen später flattert die Post ins Haus:
369 Euro Bußgeld, zwei Punkte und ein Monat Fahrverbot.
Man muss sich das einmal vorstellen. Da sitzt irgendwo im Ordnungsamt jemand vor einem Bildschirm, sieht ein Foto von einem Feuerwehrfahrzeug mit Blaulicht und Sirene, vermutlich mit der Aufschrift „Feuerwehr“ auf allen Seiten – und denkt sich:
„Moment mal! Das sieht verdächtig nach… Hilfeleistung aus. Das müssen wir ahnden.“
Der Bürgermeister erklärt später nüchtern, dass Sonderrechte für Einsatzfahrzeuge nicht bedeuten, dass alle Regeln außer Kraft gesetzt sind.
Das stimmt natürlich. Niemand fordert, dass Feuerwehrleute beim Einsatz Drift-Wettbewerbe durch Wohngebiete veranstalten.
Aber es gibt einen kleinen Unterschied zwischen leicht erhöhter Geschwindigkeit im Einsatz und der Vorstellung, dass man bei einem möglichen Brand erst einmal kurz ausrechnet, ob Tempo 32 vielleicht juristisch zu riskant sein könnte.
Man stelle sich die ideale Einsatzfahrt nach Tauchaer Verwaltungslogik vor:
„Leute, die Schule brennt!“
„Okay, ich komme sofort – aber nur mit 30. Sicherheit geht vor.“
„Die Kinder sind noch drin!“
„Dann müssen sie kurz warten, ich will ja keine Punkte in Flensburg.“
Der Feuerwehrmann wusste zu diesem Zeitpunkt übrigens nicht, dass es „nur“ eine defekte Klimaanlage war. Für ihn galt das Prinzip, das seit Jahrzehnten Grundlage jeder Feuerwehr ist: Gefahr im Verzug.
Wenn es brennt, fährt man los. Schnell.
Nicht, weil Feuerwehrleute gerne rasen – sondern weil Minuten über Menschenleben entscheiden können.
Ray Lange hat 34 Jahre ehrenamtlich Dienst geleistet. Nachts, am Wochenende, bei Regen, wenn andere schlafen oder feiern. Und die Belohnung dafür lautet nun: Blitzerfoto statt Dankeschön.
Das Ergebnis: Der Mann hängt nach über drei Jahrzehnten seine Uniform an den Nagel. Der Stadtwehrleiter tritt zurück. Die Kameraden sind fassungslos.
Aber immerhin bleibt die Verkehrsstatistik sauber.
Und vielleicht hat Taucha ja bald ein neues Einsatzkonzept:
Feuerwehrfahrzeuge mit Tempomat auf 30 km/h.
Sicher ist sicher.
Und falls es dann doch einmal länger dauert, bis Hilfe ankommt, kann man wenigstens sagen:
Der Blitzer hat hervorragend funktioniert.
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