Es ist fast schon symptomatisch: Während ein ehemaliger US‑Botschafter ohne Scham angebliche biblische Landrechte für Israel reklamiert und damit einen Shitstorm in der Region auslöst, bleibt der gigantische historische Landraub an den amerikanischen Ureinwohnern in der öffentlichen Debatte praktisch unsichtbar. Das ist keine zufällige Auslassung – es ist Ausdruck eines tief verwurzelten moralischen Doppelmoral‑Kompasses, der in Washington, Jerusalem und anderswo erstaunlich locker justiert ist.
Mike Huckabees „Recht auf Land“ – so es nach einer bestimmten religiösen Lesart ginge – könnte man mit demselben Eifer auch auf den amerikanischen Kontinent projizieren: die Lakota, die Cherokee, die Navajo, die Hopi und hunderte andere Nationen hatten Jahrtausende bevor europäische Siedler dort auftauchten ihre eigene politische, kulturelle und territoriale Ordnung. Dieses Land war kein „unbesiedeltes Wildnisgebiet“, sondern Heimat, Wirtschaftszentrum, spirituelle Welt – kurz: das Herz ganzer Völker.
Und dennoch: Als die weißen Eroberer kamen, wurde dieses Recht wissentlich übergangen, negiert, mit Gewalt gebrochen. Verträge wurden gebrochen, Nationen zerschlagen, Kulturen zerstört, Überlebende auf Reservate gezwungen. Der Mythos von „Manifest Destiny“ wurde zur ideologischen Choreographie für militärische Gewalt und ethnische Säuberung. Die Narration, wonach dieses Land „entdeckt“ und „zivilisiert“ worden sei, ist nichts als eine hohle Legitimationsformel für Landnahme und Enteignung.
Wenn Politiker wie Huckabee nun mit dem Finger auf ferne Konflikte zeigen und suggerieren, bestimmte Völker hätten „göttliche Ansprüche“ auf große Landflächen, dann sollten wir den Spiegel davorhalten: Wer spricht denn für die Völker Nordamerikas, deren Land von weißen Siedlern geraubt und systematisch zunichtegemacht wurde? Wo sind die theologisch begründeten Landrechte für die Pueblo, wenn weiter Bohrlöcher ins heilige Land gebohrt werden? Wo sind die „biblischen Ansprüche“, wenn ein Stamm jahrzehntelang gegen Pipelines kämpft, die unzählige heilige Stätten durchschneiden?
Lasst uns den Kontext klären: Eine Debatte über „Landrechte“ ohne Anerkennung der historischen Verbrechen an den indigenen Nationen Nordamerikas ist nicht nur unvollständig – sie ist heuchlerisch. Und sie verrät, wie selektiv das Prinzip territorialer Gerechtigkeit in den Köpfen mancher Entscheidungsträger verankert ist.
Wenn also jemand laut über „biblische Ansprüche“ auf Land nachdenkt, sollten wir nicht nur der arabischen und islamischen Welt zuhören, die solche Aussagen zurecht ablehnt, sondern auch den Stimmen derjenigen Gehör schenken, die wirklich enteignet wurden – und bis heute um ihre Rechte kämpfen. Die amerikanischen Ureinwohner haben sehr wohl einen Anspruch: nicht auf historische Mythen, sondern auf konkreten politischen und rechtlichen Ausgleich, Anerkennung ihrer Souveränität und Rückgabe oder angemessene Kompensation ihres Landes.
Und das ist keine „ideologische Spielerei“, sondern eine längst überfällige moralische Aufgabe. Denn wer bei fernen Konflikten schnell mit religiösen Rechten argumentiert, sollte nicht verschweigen, dass auch hier, im Eigenen, Landrechte verletzt wurden – und bis heute verletzt werden.
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