Startseite Allgemeines Kann die NATO schnell genug innovieren, um Russlands wachsende Drohnen-Bedrohung zu begegnen?
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Kann die NATO schnell genug innovieren, um Russlands wachsende Drohnen-Bedrohung zu begegnen?

daniel_diaz_bardillo (CC0), Pixabay
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Nur wenige Tage nach dem Vorfall, bei dem fast zwei Dutzend russische Drohnen in den polnischen Luftraum eindrangen und NATO-Kampfjets starteten, steht in Europa eine zentrale Frage im Raum: War dies ein gezielter Test der Bündnisverteidigung – und wie gut ist die NATO langfristig auf diese Bedrohung vorbereitet?

Billige Angriffe, teure Abwehr

Polnische Behörden stellten Trümmer sogenannter Gerbera-Drohnen sicher – simple Modelle aus Sperrholz und Styropor, die angeblich nur rund 10.000 US-Dollar pro Stück kosten. Sie dienen oft als Lockvögel. Zum Vergleich: Zum Abfangen starteten F-16- und F-35-Kampfjets, deren Einsatz pro Flug zigtausende Dollar verschlingt.

„Die Kostenrelation stimmt nicht“, sagt Robert Tollast vom britischen Thinktank RUSI. Zwar könne die NATO große Drohnenangriffe erfolgreich abwehren – wie beim iranischen Angriff auf Israel im April –, doch die Kosten dafür seien auf Dauer nicht tragbar.

Beschaffungswesen im Schneckentempo

Während die Technik gegen Drohnen längst verfügbar ist, hapert es nach Einschätzung vieler Experten an den Beschaffungsprozessen. „Die Systeme sind da. Aber NATO-Beschaffungssysteme hängen noch in den 80ern“, kritisiert Johannes Pinl, Chef des britischen Rüstungstechnologieunternehmens MARSS. Sein Unternehmen bietet wiederverwendbare Abfangdrohnen mit Titanrahmen an – doch sie warten noch auf eine NATO-Zulassung.

Ein weiteres Problem: Die Ukraine erhält dringend benötigte Technologien im Eilverfahren, während NATO-Staaten für eigene Truppen langwierige Verfahren durchlaufen müssen. „Das hilft nicht“, so Siete Hamminga von Robin Radar Systems, dessen Systeme längst in der Ukraine im Einsatz sind.

Start-ups als Treiber

Gleichzeitig zeigt der Krieg, wie schnell neue Systeme in Serie gehen können. Das portugiesische Unternehmen Tekever liefert seit 2022 Überwachungsdrohnen an die Ukraine – und die britische Luftwaffe hat diese inzwischen in ihr eigenes Elektronikkriegssystem integriert. Auch in Lettland, Litauen und anderen baltischen Staaten entstehen Start-ups, die Abwehr- und Angriffsdrone entwickeln – getrieben von der unmittelbaren Bedrohung durch Russland.

„Wir sind ein kleines Land. Wir können uns keine traditionellen Luftverteidigungssysteme leisten“, sagt Agris Kipurs, Mitgründer von Origin Robotics in Lettland. Seine Firma produziert sowohl Aufklärungsdrohnen als auch Abfangsysteme – mit staatlicher Unterstützung.

Auch die USA unter Druck

Selbst die USA haben inzwischen Tempo aufgenommen. Kriegsminister Pete Hegseth warnte in einem Juli-Memo, dass US-Einheiten nicht mit den nötigen Kleindrohnen ausgestattet seien. Er forderte weniger Bürokratie und mehr Entscheidungsspielraum direkt für die Truppen.

„Die wichtigste Lehre aus der Ukraine lautet: einfach experimentieren“, sagt Tollast. Erfolgreiche Abwehr brauche eine „High-Low-Mischung“ – also teure High-End-Systeme wie F-35 und Patriot-Raketen, kombiniert mit günstigen Abfanglösungen.

Russlands Massenproduktion

Die Dringlichkeit ist klar: Russland produziert nach ukrainischen Angaben inzwischen rund 5.500 Drohnen pro Monat, darunter sowohl modernisierte Geran-Modelle als auch billige Gerbera-Varianten. Anfang September setzte Moskau in nur einer Nacht mehr als 800 Drohnen gegen die Ukraine ein.

„Wir stehen erst ganz am Anfang“, warnt Morten Brandtzaeg, Chef des norwegischen Rüstungskonzerns Nammo. Sein Unternehmen arbeitet an günstigen Raketen in Massenproduktion, um die Kostenlücke zwischen Angriff und Abwehr zu schließen.

Fazit

Die NATO kann Drohnen abwehren – aber nicht unbegrenzt teuer. Ob das Bündnis es schafft, die eigene Beschaffung zu modernisieren und Innovation im „Kriegsmodus“ voranzutreiben, entscheidet, ob es Russlands Drohnenflut langfristig standhält.

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