Der Gouverneur von Pennsylvania, Josh Shapiro, hat erstmals ausführlich dargelegt, warum er sich aus dem Auswahlprozess für das Amt des Vizepräsidenten an der Seite von Kamala Harris zurückgezogen hat. In seinen nun bekannt gewordenen Memoiren schreibt Shapiro, er sei zu dem Schluss gekommen, dass er letztlich nicht die richtige Besetzung für diese Rolle gewesen wäre.
Die Enthüllungen finden sich in seinem Buch „Where We Keep the Light: Stories From a Life of Service“, das Ende Januar erscheinen soll und dem Nachrichtenmagazin USA TODAY vorab vorlag. Darin verbindet Shapiro persönliche Erlebnisse mit politischen Einschätzungen und Reflexionen über seinen jüdischen Glauben.
Shapiro schildert Gespräche mit Harris, mit dem damaligen Präsidenten Joe Biden sowie mit dessen Nachfolger Donald Trump. Zugleich deutet er vorsichtig an, dass er sich langfristig weiterhin eine nationale politische Rolle vorstellen könnte.
Zweifel an Bidens Wiederwahlfähigkeit
In seinem Buch beschreibt Shapiro offen die Phase des Zerfalls der Biden-Kampagne. Bereits Monate vor Bidens Rückzug aus dem Rennen hätten Regierungsmitarbeiter hinter vorgehaltener Hand Zweifel an dessen Erfolgsaussichten geäußert. Bei einem Staatsdinner im Frühjahr 2024 sei er von Mitarbeitern des Weißen Hauses gezielt nach der Stimmung in Pennsylvania gefragt worden. Seine Einschätzung sei klar gewesen: Biden liege zurück und verliere an Boden.
Nach dem desaströsen TV-Duell im Juni seien seine Zweifel noch größer geworden. Dennoch habe er nicht geglaubt, dass jemand den amtierenden Vizepräsidenten im parteiinternen Prozess einfach übergehen könne.
Bei einem Besuch Bidens und der First Lady in Harrisburg habe er dem Präsidenten offen gesagt, dass viele Wähler einen Rückzug für den besseren Weg hielten, gestützt auf interne Umfragen. Biden habe diese Einschätzung jedoch zurückgewiesen. Das Gespräch sei respektvoll verlaufen; Biden sei ein „anständiger Mensch“, schreibt Shapiro.
„Nicht der richtige Zeitpunkt“
Als Biden schließlich aus dem Rennen ausschied, stellte sich Shapiro die Frage, ob er selbst Teil eines neuen Auswahlverfahrens werden wolle. Seine Ehefrau Lori habe ihm davon abgeraten. Es sei „nicht der richtige Zeitpunkt“ – weder für die Familie noch unter fairen Bedingungen.
Kurz darauf rief Kamala Harris ihn an und bat um Unterstützung. Aufgrund seiner Rolle als moderater Gouverneur eines entscheidenden Swing States galt Shapiro rasch als aussichtsreicher Kandidat für das Vizepräsidentenamt. Dennoch habe sich bei ihm früh ein ungutes Gefühl eingestellt.
Während des Prüfverfahrens sei er intensiv zu politischen Positionen befragt worden, unter anderem zu seiner Unterstützung für die Polizei. Er habe erklärt, gerade seine überparteiliche Haltung habe ihm zum Wahlsieg verholfen. Die Art der Fragen habe ihn jedoch stutzen lassen: Sie zeugten davon, dass das Team Harris den Blick vieler Wähler nicht ausreichend verstehe.
Konfliktpunkt Israel
Besonders problematisch wurden für Shapiro die Gespräche über Israel. Das Team Harris habe seine Haltung nach dem harten Vorgehen gegen pro-palästinensische Demonstranten an der University of Pennsylvania kritisch hinterfragt und mögliche Auswirkungen auf den Bundesstaat Michigan thematisiert.
Shapiro schreibt, er habe sich gefragt, ob diese Fragen ausschließlich ihm gestellt wurden – als einzigem jüdischen Kandidaten im engeren Kreis. Er selbst hatte in jungen Jahren an einer israelischen Militärbasis freiwillig gearbeitet und später an der israelischen Botschaft in Washington.
Auf dem Weg zu einem Treffen mit Harris sei ihm sogar die Frage gestellt worden, ob er jemals als Agent oder Kontaktperson der israelischen Regierung tätig gewesen sei. Diese Unterstellung habe ihn zutiefst verletzt. Während eines Wartens in Washington sei zudem der Eindruck entstanden, er werde als zu eigenständig und zu wenig bereit für eine rein untergeordnete Rolle eingeschätzt.
Klare Erwartungen – und der Rückzug
Im direkten Gespräch habe Harris deutlich gemacht, dass sie volle Konzentration erwarte. Shapiro wiederum habe betont, weiterhin Verantwortung für seinen Bundesstaat tragen zu müssen. Als Harris ihn aufforderte, sich für frühere Aussagen zu entschuldigen, habe er dies abgelehnt.
Zudem habe sie offen erklärt, dass der Vizepräsident vor allem mit dem Stab arbeiten solle – nicht als gleichberechtigter politischer Partner. Spätestens an diesem Punkt sei ihm klar geworden, dass es keine gute Zusammenarbeit würde.
Auch Gespräche mit Mitgliedern von Harris’ Team über finanzielle Belastungen und private Konsequenzen hätten ihn und seine Frau irritiert. Schließlich entschied sich Shapiro, seine Kandidatur zurückzuziehen, ohne Harris persönlich zu konfrontieren. Zwei Tage später teilte sie ihm mit, dass sie sich für Tim Walz entschieden habe – in einem Gespräch, das er als ausgesprochen freundlich beschreibt.
Politische Einordnung
In späteren Stellungnahmen würdigte Harris Shapiros Professionalität, deutete aber auch an, dass er Schwierigkeiten gehabt habe, sich in eine klar untergeordnete Rolle einzufügen. Andere Beteiligte berichten, Shapiro habe versucht, eigene politische Zuständigkeiten auszuhandeln – ein weiteres Zeichen dafür, dass es kein gutes Match gewesen sei.
Shapiros Buch zeichnet das Bild eines Politikers, der bereit ist, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, selbst wenn sie politisch riskant sind. Ob diese Haltung ihn eines Tages selbst ins Weiße Haus führen könnte, lässt er offen – ausgeschlossen scheint es nach seinen eigenen Worten jedoch nicht.
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