Donald Trumps beispielloser Einsatz von Strafzöllen hat die Weltwirtschaft in Atem gehalten: Unternehmen planen vorsichtiger, Investitionen werden verschoben, die Stimmung ist nervös. In den USA wuchs der Druck, weil Zölle Preise erhöhen und Unsicherheit schaffen – und damit auch auf den Arbeitsmarkt drücken können.
Am Freitag schien es kurz so, als bekäme Trump eine elegante Möglichkeit, aus seinem Zoll-Abenteuer auszusteigen. Der Supreme Court entschied mit 6 zu 3 Stimmen, dass viele – wenn auch nicht alle – der von Trump verhängten Zölle rechtswidrig sind. Für das Weiße Haus wäre das eine Art „Off-Ramp“ gewesen: Rückzug mit Verweis auf das Gericht, weniger aggressive Zölle, eventuell sinkende Kosten.
Doch Trump machte fast sofort klar: Er hat nicht vor, vom Gas zu gehen.
„Mächtiger und klarer“ – Trumps Lesart des Urteils
Statt das Urteil als Begrenzung zu deuten, interpretierte Trump es öffentlich als Rückenwind. Bei einem Briefing im Weißen Haus sagte er, die Entscheidung habe – ob beabsichtigt oder nicht – die Möglichkeiten eines Präsidenten, Handel zu regulieren und Zölle zu verhängen, eher gestärkt als geschwächt.
Damit signalisiert Trump: Das juristische Stoppschild wird zum Umleitungsschild. Zölle bleiben sein Lieblingswerkzeug – nur die Rechtsgrundlage soll wechseln.
Der Ökonom Scott Lincicome (Cato Institute) erwartet deshalb, dass die Unsicherheit nicht verschwindet, sondern länger anhält: Trump werde jede verfügbare gesetzliche Grundlage nutzen, um seine Zollpolitik fortzusetzen.
Neue Zölle über andere Gesetze
Nur Stunden nach dem Urteil kündigte Trump neue globale Zölle an: zunächst 10 Prozent auf Importe, gestützt auf Section 122 des Trade Act von 1974. Am Wochenende erhöhte er den Satz auf 15 Prozent – das Maximum, das dieses Instrument erlaubt.
Section 122 hat allerdings eine eingebaute Bremse: Über 150 Tage hinaus braucht es die Zustimmung des Kongresses. Trump spielte diese Einschränkung öffentlich herunter und ließ zugleich durchblicken, dass weitere juristische Werkzeuge geprüft werden.
Er nannte unter anderem:
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Section 301 (Trade Act 1974): Erlaubt Zölle nach Untersuchungen des US-Handelsbeauftragten gegen „unfaire“ Praktiken anderer Länder – ohne klare Obergrenzen bei Höhe und Dauer.
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Section 338 (Tariff Act 1930): Könnte Strafzölle bis zu 50 Prozent ermöglichen, wenn die USA diskriminierende Handelspraktiken vermuten. Dieses Instrument wird historisch mit der Ära der extremen US-Protektionismuspolitik (Smoot-Hawley) in Verbindung gebracht, die als verschärfender Faktor der Weltwirtschaftskrise gilt.
Trump ging noch weiter und behauptete, das Urteil eröffne sogar die Möglichkeit eines vollständigen Import-Embargos gegen einzelne Länder. Finanzminister Scott Bessent griff diese Argumentation in einem TV-Interview auf und forderte Handelspartner auf, bestehende Abkommen einzuhalten.
Auf die Frage, ob die Zölle am Ende sogar höher liegen könnten als zuvor, sagte Trump: „Möglicherweise höher … was immer wir wollen. Aber wir wollen, dass es fair ist.“
Was bedeutet das für das Zollniveau?
Nach Einschätzung von Erica York (Tax Foundation) lag der effektive durchschnittliche Zollsatz vor dem Urteil bei etwa 10 Prozent und sei durch das Urteil zunächst auf rund 4,5 Prozent gefallen. Mit einem globalen 15-Prozent-Zoll über Section 122 könnte er wieder über 10 Prozent steigen – zumindest solange die 150-Tage-Grenze nicht greift oder politisch umgangen wird.
JPMorgan-Ökonom Michael Feroli skizzierte gegenüber Kunden ein „realistisches“ Szenario, in dem die Regierung verschiedene Rechtsgrundlagen nutzt, um das durchschnittliche Zollniveau in Summe ungefähr zu halten. Doch selbst dann würde sich die Zollstruktur stark verschieben: andere Länder, andere Waren, andere Gewinner und Verlierer – und vor allem mehr Planungsunsicherheit. Genau diese Unsicherheit wirkt wie Gegenwind für Investitionen.
Jobs und Investitionen: Die Nebenwirkungen der Zollpolitik
Viele Ökonomen sehen in der Zolllawine einen Faktor, der Unternehmen vorsichtiger gemacht hat. Außerhalb des Technologiesektors seien Unternehmensinvestitionen im vergangenen Jahr gesunken – ein seltenes Ereignis außerhalb einer Rezession.
Auch der Arbeitsmarkt zeigte Schwächen: Das Jobwachstum war – außerhalb einer Rezession – das schwächste Jahr seit 2003. Besonders auffällig: die Industrie, die Trump eigentlich stärken will. Dort gingen über 80.000 Arbeitsplätze verloren.
Trumps Team wischt solche Warnungen weitgehend beiseite. In den Vordergrund stellt es stattdessen die milliardenschweren Zolleinnahmen und das Versprechen eines kommenden „Manufacturing Booms“.
Und die Preise? Ernüchternde Antwort: vermutlich nichts
Wer gehofft hatte, das Supreme-Court-Urteil könnte spürbar für Entlastung an der Kasse sorgen, bekommt von Ökonomen wenig Hoffnung. Viele Unternehmen senken Preise ungern – und die anhaltende Unsicherheit liefert ihnen ein bequemes Argument, es nicht zu tun.
Die Chefökonomin von Wolfe Research, Stephanie Roth, beantwortete die Frage nach Auswirkungen auf Verbraucherpreise sinngemäß mit einem Wort: „Nichts.“
Hinzu kommt: Selbst wenn Unternehmen Zölle zurückerstattet bekommen sollten, heißt das nicht, dass Verbraucher Geld zurücksehen. Keiner erwarte, dass Händler rückwirkend Rabatte auszahlen.
Die Tax Foundation schätzt, dass Trumps Zölle 2025 den durchschnittlichen US-Haushalt rund 1.000 Dollar gekostet haben. Für 2026 sei vor dem Urteil sogar mit etwa 1.300 Dollar gerechnet worden. Wie es weitergeht, hängt davon ab, wie Trump seine Zollagenda juristisch neu zusammensetzt.
Fazit
Der Supreme Court hat Trumps Zollpolitik zwar empfindlich getroffen – aber nicht beendet. Trump nutzt das Urteil nicht als Ausstieg, sondern als Anlass, das Zollregime auf andere Gesetze umzuleiten. Für Unternehmen, Verbraucher und Handelspartner bedeutet das vor allem eins: Die Phase der Unsicherheit dürfte weitergehen – und könnte sogar intensiver werden.
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