Das Vogelgrippe-Virus H5N1 breitet sich weiter aus und hat nun auch eine der letzten bislang weitgehend verschonten Regionen der Erde erreicht: die Antarktis. Forschende der Friedrich-Schiller-Universität Jena bestätigten den Nachweis des Virus auf King George Island, einer der Südlichen Shetlandinseln vor der Nordküste des antarktischen Kontinents.
Erste Funde im Januar 2025
Bereits zu Beginn des Jahres hatte ein deutsches Forschungsteam während einer Expedition rund 50 tote Seevögel und Robben auf King George Island entdeckt. Erste Verdachtsmomente deuteten damals auf eine Infektion mit H5N1 hin. Inzwischen haben Laboranalysen diese Annahme bestätigt: Bei mehreren der verendeten Tiere wurde das hochansteckende Virus eindeutig nachgewiesen.
Besorgniserregendes Signal für das Ökosystem
„Der Nachweis von H5N1 in der Antarktis ist ein alarmierendes Signal“, betonen die Jenaer Wissenschaftler. Das Virus gilt als hochpathogen und hat in den vergangenen Jahren weltweit große Verluste in Wildvogelbeständen sowie bei Nutztieren verursacht. Während viele Ökosysteme zumindest teilweise an wiederkehrende Ausbrüche angepasst sind, trifft die Vogelgrippe in der Antarktis auf Tierpopulationen, die praktisch ohne Vorerfahrung mit solchen Krankheitserregern sind.
Besonders bedroht sind Kolonien von Pinguinen, Sturmvögeln und Robben, die in großer Dichte leben. Hier kann sich das Virus extrem schnell ausbreiten und innerhalb kurzer Zeit hohe Bestandsverluste verursachen. Wissenschaftler warnen, dass dies das ökologische Gleichgewicht in der Region empfindlich stören könnte.
Ausbreitungsmuster deutet auf globale Dynamik
Der aktuelle Nachweis reiht sich ein in eine Entwicklung, die bereits seit einigen Jahren beobachtet wird. 2023 wurde H5N1 erstmals auf der weiter nördlich gelegenen Insel Südgeorgien festgestellt. Fachleute gehen davon aus, dass wandernde Seevögel, die große Entfernungen zwischen Brut- und Nahrungsgebieten zurücklegen, das Virus nach Süden eingeschleppt haben. Auch Meeresströmungen könnten zur Verbreitung beitragen.
Diese Beobachtungen verdeutlichen, dass sich H5N1 nicht mehr auf bestimmte Kontinente beschränkt, sondern zu einem weltweiten Phänomen geworden ist. In Südamerika etwa hatte das Virus in den letzten Jahren tausende Seevögel und Seelöwen das Leben gekostet – ein Hinweis darauf, dass auch maritime Ökosysteme massiv betroffen sein können.
Gefahr für die Biodiversität
Die Antarktis beherbergt eine einzigartige Tierwelt, die durch ihre Isolation bisher weitgehend von globalen Krankheitserregern verschont blieb. Der Eintrag von H5N1 könnte zu einem massiven Verlust an Biodiversität führen. Besonders kritisch ist, dass viele Arten nur in dieser Region vorkommen. Sterben große Bestände, wäre ein Aussterben einzelner Arten nicht ausgeschlossen.
Darüber hinaus könnte die Vogelgrippe indirekte Folgen haben: Verringern sich Bestände von Beutetieren wie Fischen oder Krill durch Veränderungen in der Nahrungskette, wirkt sich das auf das gesamte Ökosystem aus – von Pinguinen bis zu Walen.
Nächste Schritte der Forschung
Die Jenaer Forscher planen, gemeinsam mit internationalen Partnern das Verbreitungsmuster des Virus genauer zu untersuchen. Dabei geht es auch um die Frage, ob H5N1 bereits auf weitere antarktische Regionen übergesprungen ist und welche genetischen Varianten des Virus dort zirkulieren.
Ziel sei es, möglichst frühzeitig Strategien zu entwickeln, um den Schaden für die Tierwelt zu begrenzen. „Wir stehen hier vor einer Herausforderung, die globale Dimensionen hat“, heißt es aus Jena.
Globale Relevanz und potenzielle Risiken für den Menschen
Auch wenn eine direkte Gefahr für den Menschen derzeit gering eingeschätzt wird, mahnen Experten zur Vorsicht: In seltenen Fällen sind Infektionen bei Menschen bereits dokumentiert. Je stärker und länger sich das Virus in verschiedenen Tierarten ausbreitet, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit von Mutationen, die auch für Menschen gefährlich werden könnten.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beobachtet die Lage deshalb genau. H5N1 gilt als ein Virus mit Pandemiepotenzial, sollte es jemals gelingen, dass es effizient von Mensch zu Mensch übertragbar wird.
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