Washington, D.C. – Wenn Milliardäre Medien retten … oder sie einfach langsam abbrennen lassen.
Jeff Bezos, Amazon-Gründer, Weltraumtourist und gelegentlich auch Besitzer einer legendären Zeitung, hat mal wieder ein starkes Zeichen gesetzt – allerdings keines für Pressefreiheit. Bei der altehrwürdigen Washington Post, seit 1877 so etwas wie das journalistische Gewissen der USA, fliegt ein Drittel der Redaktion raus, das Sportressort wird abgewickelt, und die Auslandsberichterstattung fällt der Sparschere zum Opfer. Nur die Rubrik „Absurde Ironie“ scheint gerade Hochkonjunktur zu haben.
Stille Post vom Chef
Der Mann mit dem Milliardenkonto schweigt. Trotz mehrerer Briefe, öffentlicher Bitten und #savethepost-Kampagnen hat Bezos auf die Belegschaft etwa so empathisch reagiert wie Alexa auf „Spiel bitte etwas ohne Werbung“. Drei offene Briefe, null Antwort. Aber hey, vielleicht ist seine Mailbox ja voll – mit Netflix-Pitches über Melania Trump.
„Blutbad“ im Newsroom
Chefredakteur Matt Murray beschrieb die Umstrukturierung als „schmerzhaft“. Die Belegschaft nannte sie schlicht ein „Blutbad“. Besonders hart trifft es die Auslandsberichterstattung – also jenen Bereich, der früher mal half, Pulitzerpreise zu gewinnen. Statt globalem Überblick gibt’s jetzt mehr Meinungen zu Washingtoner Parkverboten und Sandwichpreisen in Georgetown.
Das Sportressort, bislang so lebendig wie eine Finalrunde der NFL, wird ebenfalls geschlossen. Ob künftig ein KI-generierter Bot namens „BezoBall“ die Ergebnisse vorliest, ist noch unklar.
Mangelnde Rückendeckung – nicht nur im Job
Besonders bitter: Als bei einer Reporterin des Hauses das FBI eine Razzia durchführte (Laptop, Smartwatch und Würde beschlagnahmt), blieb Bezos ebenso still wie ein Kindle im Flugmodus. Pressefreiheit? Offenbar nur, wenn sie Prime-zertifiziert ist.
Ex-Chefredakteur Martin Baron nannte das Ganze einen Lehrbuchfall selbstverschuldeter Markenzerstörung. Eine Stradivari, mit einem Presslufthammer gespielt. Chapeau.
Vom Retter zum Renovierer mit Abrissbirne
2013 kaufte Bezos die „Post“ für 250 Millionen Dollar. Damals dachte man: Endlich jemand mit Geld, Vision und dem Willen, den Journalismus zu schützen. Heute wirkt es eher so, als hätte er die Zeitung als Hobbyprojekt gekauft – und dann nach zehn Jahren vergessen, wo er sie hingelegt hat.
Der Wendepunkt? Als Bezos kurz vor der US-Wahl 2024 einen Leitartikel blockierte, der Kamala Harris unterstützte. Dass die „Post“ traditionell Wahlempfehlungen gibt, war ihm offenbar nicht bewusst – oder egal. Immerhin: Den Leitartikel gegen Palmöl hätte er wohl durchgewunken. Solange niemand dabei auf Trump zeigt.
Danach wurde’s richtig gemütlich. Bezos schrieb eine freundliche Notiz an die Redaktion: Künftig wolle man sich auf „persönliche Freiheiten und freie Märkte“ konzentrieren – also im Prinzip eine Kolumne zwischen libertärer Reddit-Philosophie und Unternehmensbroschüre. Wer Meinungsvielfalt will, solle bitte „andere Medien nutzen“. Toll, wenn der Eigentümer deiner Zeitung quasi empfiehlt, lieber die Konkurrenz zu lesen.
Melania statt Meinungsvielfalt
Und dann wäre da noch das jüngste Glanzprojekt: Bezos und Amazon sollen 75 Millionen Dollar in eine Dokumentation über Melania Trump gesteckt haben. Ein cineastischer Super-GAU, der weltweit grandios floppte – offenbar diente der Film weniger dem Kulturbetrieb als dem politischen Kuschelkurs. Kritik? Natürlich Fehlanzeige. Wahrscheinlich ist sie auf der gleichen Festplatte wie die Auslandsreportage über Belarus.
Ein Milliardär und seine Grenzen
Die „Washington Post“ machte einmal Geschichte mit „Watergate“. Heute macht sie Geschichte mit „Wait, what?“ Dabei ist das Drama symptomatisch für einen Medienmarkt im Sinkflug: Weniger Anzeigen, sinkende Abos, algorithmisch ausgeblutete Reichweiten.
Und doch bleibt die Frage: Muss ein Mann mit 250 Milliarden Dollar wirklich bei Journalist*innen sparen? Margaret Sullivan, ehemalige „Post“-Kolumnistin, sagt im Guardian: Bezos verhalte sich wie jemand, der mit dem Hammer auf eine Stradivari einschlägt – in einem Moment, in dem wahrheitsbasierter Journalismus wichtiger ist als je zuvor.
Fazit:
Jeff Bezos wollte vielleicht die „Washington Post“ retten.
Aktuell wirkt es eher so, als hätte er sie aus Versehen auf „Abo kündigen“ gedrückt.
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