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Irland: Ausgrabung von Massengrab mit 796 Babys beginnt – jahrzehntelanges Schweigen endet

geralt (CC0), Pixabay
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Jahrzehnte nach ihrem Tod sollen sie nun endlich würdig bestattet werden: In der irischen Stadt Tuam haben am Montag Ausgrabungen an einem Gelände begonnen, auf dem sich laut offiziellen Angaben ein Massengrab mit den Überresten von 796 Säuglingen und Kleinkindern befindet. Sie starben zwischen 1925 und 1961 im sogenannten „Mother and Baby Home“ – einer Einrichtung für ledige Mütter, die von katholischen Nonnen betrieben wurde.

Annette McKay, deren Mutter Maggie O’Connor 1943 in Tuam ihre Tochter Mary Margaret verlor, erinnert sich, wie ihre Mutter erst im hohen Alter das Schweigen brach. Jahrzehntelang hatte sie über den Verlust geschwiegen, über die Zustände in der Einrichtung, in die sie als 17-jährige Vergewaltigungsopfer geschickt worden war.

O’Connor, wie viele andere junge Frauen, wurde nach der Geburt von ihrem Kind getrennt. Die Babys wurden teils zur Adoption freigegeben, viele aber starben unter katastrophalen Bedingungen. Ein Bericht der irischen Regierung nannte später die Zustände in Tuam „miserabel“: unterernährte Kinder, keine medizinische Versorgung, hohe Sterberaten – bis zu 9.000 Kinder starben insgesamt in Irlands Heimen.

Die heute beginnende Ausgrabung ist das Ergebnis jahrelanger Recherche und Beharrlichkeit der Historikerin Catherine Corless, die bereits 2014 aufgedeckt hatte, dass es keine offiziellen Grabaufzeichnungen für fast 800 verstorbene Kinder gab. Stattdessen, so ihre erschütternde Entdeckung, wurden sie offenbar in einem ehemaligen Abwassertank verscharrt.

Die katholische Ordensgemeinschaft „Sisters of Bon Secours“ bestritt dies lange. Doch der öffentliche Druck wuchs – auch, weil Betroffene wie Anna Corrigan, deren Brüder in Tuam geboren wurden, öffentlich Aufklärung forderten.

„Sie hatten keine Würde im Leben und keine im Tod“, sagt Corrigan. Ihre Mutter erfuhr erst Monate später vom Tod ihres Sohnes mit den Worten: „Das Kind deiner Sünde ist tot.“

Für die nächsten zwei Jahre werden forensische Experten versuchen, die Überreste zu bergen und – wenn möglich – zu identifizieren. Die Leiterin der Ausgrabung, Niamh McCullagh, betonte, dass die Analyse angesichts der Zeitspanne und schlechten Dokumentation schwierig werde. Trotzdem könnten Hinweise auf rechtswidrige Todesfälle entdeckt werden.

Für Überlebende wie Teresa O’Sullivan, die selbst als Baby dort geboren wurde, ist die Graböffnung ein überfälliger Schritt: „Wir waren mit ihnen in den Räumen, in denselben Gebäuden. Es hätte auch mich treffen können.“

Die Aufarbeitung dieser dunklen Kapitel irischer Geschichte dauert an. Doch mit dem Beginn der Ausgrabung beginnt auch der Weg zu Gerechtigkeit, Würde – und vielleicht zum ersten Mal: echter Trauer.

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