Während sich die wirtschaftliche, soziale und geopolitische Lage in Iran zuspitzt, hält der schwerkranke Oberste Führer Ayatollah Ali Khamenei an einer Taktik fest, die längst bröckelt: Abwarten, Unterdrücken, Durchhalten.
Trotz rekordverdächtiger Inflation, Protesten, Wasserknappheit und einem desolaten Außenbild tritt die Führung weiter auf der Stelle – allen voran der 86-jährige Khamenei, der sich zunehmend aus der Öffentlichkeit zurückzieht. Die Bevölkerung hingegen sendet klare Signale des Unmuts.
Ziviler Ungehorsam auf offener Bühne
Ungewohnte Bilder aus Iran: Hunderte Frauen rennen bei einem Marathon auf der Urlaubsinsel Kisch – ohne Kopftuch, in Leggings, Haare offen. Die mitgelieferten Kopftücher der Veranstalter bleiben in den Starterpaketen. In Teheran wird der Rocksong Seven Nation Army laut auf offener Straße gespielt, Jugendliche grölen mit, der Clip geht viral.
Doch es ist nicht nur Kulturprotest: Händler in mehreren Städten gingen jüngst auf die Straße – nicht aus politischer Überzeugung, sondern aus Verzweiflung. Die wirtschaftliche Lage ist dramatisch. Der iranische Rial hat historische Tiefstände erreicht, Mieten sind nicht mehr bezahlbar, Grundversorgung kaum leistbar.
Die „Abwesenheit von Führung“
Viele Beobachter sprechen mittlerweile von einem politischen Vakuum: „Es wirkt, als würde niemand regieren – oder Khamenei lässt keine Entscheidungen mehr zu“, sagt Mohammad Ali Shabani von Amwaj.media. Die Strategie des Führers: lieber nichts entscheiden, als das Falsche.
Im Sommer verschwand Khamenei angeblich für mehrere Tage in einem Bunker – aus Angst vor einem israelischen Angriff während eines unerwarteten 12-Tage-Kriegs. Das Ergebnis: militärisch geschwächt, außenpolitisch isoliert, innenpolitisch diskreditiert.
Iran am Limit: Dürre, Inflation, Blackouts
Das Land leidet unter seiner schwersten Dürre seit 40 Jahren. Präsident Masoud Pezeshkian schlägt erstmals offen vor, Teheran teilweise zu evakuieren – zu groß sei der Wassermangel. Der Strom fällt regelmäßig aus, da die Regierung auf billigen, dreckigen Brennstoff umgestiegen ist.
Das Haushaltsdefizit ist derart extrem, dass der Staatshaushalt mittlerweile in Billiarden Rial berechnet wird – eine surreal wirkende Größe. Proteste sind die Folge.
Außenpolitische Niederlagen
Die einst scharfsinnige Außenpolitik des Iran – mit global verzweigten Stellvertreter-Milizen – scheint gelähmt. Israel trifft fast täglich iranische Ziele, in Syrien fiel das verbündete Assad-Regime. Diplomatisch herrscht Funkstille, während der Westen die Sanktionen weiter verschärft.
Ein letztes Festhalten am „Revolutionshandbuch“
Und Khamenei? Der setzt weiter auf das alte Revolutionsrezept: mehr Raketen, mehr Drohnen, mehr Trotz – keine Reformen, keine Verhandlungen. Doch selbst im innersten Machtzirkel wird das Hinterfragen lauter. „Jeder in Iran will Veränderung – ob Hardliner, Reformer oder Moderater. Nur niemand ist mit dem Status quo zufrieden“, so Shabani.
Wer kommt nach Khamenei?
Khameneis Tod oder Rücktritt wäre ein historischer Wendepunkt. Genannt werden sein Sohn Mojtaba Khamenei oder Hassan Khomeini, Enkel des Revolutionsgründers – doch klar ist: Die Entscheidung fällt im Inneren des Systems, der Westen wird wenig Einfluss haben.
„Wenn der Westen diese mögliche Wende nutzen will, muss er sich jetzt darauf vorbereiten“, sagt Ali Vaez vom International Crisis Group.
Neue Eskalation mit Israel?
Parallel zur inneren Krise erhöht sich der äußere Druck: Israels Premier Benjamin Netanjahu traf sich jüngst mit US-Präsident Donald Trump, um härteres Vorgehen gegen Iran zu fordern – mit Verweis auf das Raketenprogramm.
Da Trumps Administration das Atomthema als „erledigt“ erklärt hat, wittern Experten einen neuen Kriegsgrund: Raketen statt Uran. Trumps Warnung: „Wenn sie aufrüsten, werden wir sie niederschlagen. Wir schlagen sie zur Hölle.“
Fazit: Ein Regime am Ende der Ideen
Iran steht am Rande einer systemischen Krise. Khamenei scheint nicht mehr in der Lage – oder willens – zu reagieren. Doch je länger das Regime auf Autopilot läuft, desto wahrscheinlicher wird der Kontrollverlust. Die Straße rebelliert bereits – still, aber zunehmend unübersehbar.
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