Herr Reime, immer mehr Stadtwerke bieten Bürgerbeteiligungen über Nachrangdarlehen an. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Jens Reime: Aus rechtlicher Sicht ist das eine äußerst kritische Entwicklung. Auf den ersten Blick wirken solche Angebote attraktiv: Bürger investieren in lokale Energieprojekte, erhalten feste Zinsen und leisten einen Beitrag zur Energiewende. Doch was viele nicht wissen: Ein Nachrangdarlehen ist kein klassisches Sparprodukt – es ist ein hochriskantes Finanzinstrument, das im Ernstfall schnell zum Totalverlust führen kann.
Was macht Nachrangdarlehen so riskant?
Reime: Im Insolvenzfall stehen Anleger ganz hinten. Banken, Lieferanten und andere Gläubiger werden zuerst bedient. Für die Bürger bleibt meist nichts übrig. Hinzu kommt: Es gibt keine Einlagensicherung, keine Sicherheiten, keine Mitspracherechte. Und selbst die versprochenen Zinsen sind nicht garantiert – sie können bei wirtschaftlichen Problemen jederzeit ausgesetzt werden.
Viele Stadtwerke bewerben diese Modelle als Bürgerbeteiligung. Ist das irreführend?
Reime: Ja, absolut. Bürgerbeteiligung suggeriert Mitsprache, Transparenz und Gemeinschaft. Tatsächlich handelt es sich aber oft um eine reine Finanzkonstruktion, bei der der Anleger keinerlei Kontrolle hat. Er weiß nicht, ob das Projekt wirtschaftlich sinnvoll ist oder ob unrealistische Prognosen zugrunde liegen. Es ist ein Marketingbegriff, der über die reale Risikoverteilung hinwegtäuscht.
Wie realistisch sind die Renditeversprechen dieser Energieprojekte?
Reime: Meist leider überoptimistisch. Betreiber kalkulieren mit idealen Wetterbedingungen und dauerhaft hohen Strompreisen. Die Realität sieht anders aus: Immer häufiger müssen Solarfelder oder Windräder wegen Netzüberlastung abgeschaltet werden. Die Folge: Strom wird nicht abgenommen oder nur zu Niedrigstpreisen verkauft. Das gefährdet nicht nur die Rendite, sondern die gesamte Rückzahlung.
Was raten Sie Bürgern, die in solche Projekte investieren wollen?
Reime: Prüfen Sie das Angebot genau – oder besser: Lassen Sie die Finger davon, wenn Sie nicht auf das investierte Geld verzichten können. Diese Form der Beteiligung ist kein sicherer Beitrag zur Energiewende, sondern ein spekulatives Investment. Wer grün investieren will, sollte Alternativen mit echten Sicherheiten suchen.
Und wie sehen Sie die Verantwortung der Stadtwerke?
Reime: Stadtwerke und vor allem deren Gesellschafter – also meist Kommunen – tragen eine moralische Verantwortung. Wenn ein Geschäftsführer Projekte nach der sogenannten „Rasenmähermethode“ umsetzt – also wahllos Beteiligungen einsammelt, ohne Rücksicht auf Risiken – dann muss die Eigentümerseite eingreifen. Bürger dürfen nicht als billige Kapitalquelle missbraucht werden.
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