Viele Kanadier verzichten inzwischen bewusst auf Reisen in die Vereinigten Staaten. Grund dafür sind politische Spannungen, wirtschaftliche Maßnahmen und ein wachsendes Gefühl, in den USA nicht mehr willkommen zu sein.
Der Kanadier Bruce Newman aus der Provinz New Brunswick wollte seiner Frau zum 75. Geburtstag eine besondere Reise schenken. Zehn Jahre zuvor hatten sie ihren 65. Geburtstag in New York gefeiert und eine Broadway-Show besucht. Doch diesmal entschied sich Newman gegen die USA. Stattdessen reisten er und seine Frau nach London, wo sie das Musical „The Book of Mormon“ sahen.
Ausschlaggebend für seine Entscheidung waren politische Entwicklungen in den USA, darunter Strafzölle, spöttische Bemerkungen über Kanada sowie Berichte über Einsätze der US-Einwanderungsbehörde ICE gegen amerikanische Bürger. Newman spricht sogar von einem „wirtschaftlichen Krieg“ zwischen beiden Ländern.
Er steht mit dieser Haltung nicht allein. Kanada war lange die wichtigste Quelle internationaler Besucher für die USA. Im Jahr 2024 reisten mehr als 20 Millionen Kanadier in die Vereinigten Staaten. Doch neue Zahlen zeigen einen deutlichen Rückgang: Die Zahl der kanadischen Besucher sank um 21 Prozent, was etwa 4,2 Millionen weniger Reisenden entspricht.
Viele traditionelle Reiseziele verlieren dadurch Besucher. Beliebte Trips nach New York, Florida, Maine oder zu Baseballspielen in Boston und Seattle werden von vielen Kanadiern gestrichen. Auch Shoppingtouren in grenznahen US-Bundesstaaten wie Michigan oder New York fallen zunehmend aus.
Stattdessen entscheiden sich viele Kanadier für andere Ziele. Todd Johnson aus Saskatchewan, ein begeisterter Golfer, wollte nach seiner Pensionierung mehrere Wochen in Arizona verbringen. Doch statt eines Golfurlaubs in den USA reiste er mit seiner Frau nach Mexiko. Dort traf er zahlreiche Landsleute, die ebenfalls bewusst nicht in die Vereinigten Staaten reisen wollten. „Wir stimmen mit unserem Geldbeutel ab“, sagte Johnson.
Auch andere Kanadier sorgen sich um Sicherheit und politische Spannungen. April Scott aus British Columbia verzichtete sogar auf eine kostenlose Kreuzfahrt, weil der Abfahrtshafen in Florida lag. Sie befürchtete, durch politische Entscheidungen plötzlich Probleme bei der Einreise bekommen zu können.
Manche gehen noch weiter: Einige Kanadier verkaufen Immobilien, die sie in den USA als Zweitwohnsitz gekauft hatten. Anita und Tom Hitchcock aus New Brunswick trennten sich beispielsweise von ihrer Wohnung in Florida und verbringen ihre Winter inzwischen in Südamerika.
Der Rückgang betrifft nicht nur Urlaubsreisen. Auch Geschäftsreisen werden abgesagt. Der Unternehmer Gilles Héroux aus Montreal verzichtete auf eine Branchenmesse in Las Vegas und besuchte stattdessen eine ähnliche Veranstaltung in Barcelona.
Allerdings reisen weiterhin einige Kanadier in die USA, vor allem wegen des warmen Klimas im Winter. Dennoch berichten Beobachter, dass deutlich weniger kanadische Fahrzeuge und Touristen zu sehen sind als früher.
Experten sehen die Situation als ungewöhnlich für zwei Länder, die traditionell eng verbunden sind. Die USA und Kanada teilen nicht nur eine über 8.800 Kilometer lange unbewachte Grenze, sondern auch Sprache, Kultur und intensive wirtschaftliche Beziehungen.
Viele Kanadier hoffen, dass sich das Verhältnis eines Tages wieder verbessert. Doch derzeit führt die politische Entwicklung dazu, dass Millionen von ihnen ihre Reisepläne ändern – und ihr Geld stattdessen in anderen Ländern ausgeben.
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