Die Sundarbans, das größte Mangrovenwaldgebiet der Welt, erstrecken sich entlang der Küste zwischen Westbengalen (Indien) und Bangladesch. Dieses einzigartige UNESCO-Weltnaturerbe ist ein Labyrinth aus Wasserläufen, Schlickflächen und Inseln – und Heimat gefährdeter Arten wie Gangesdelfinen, indischen Pythons und dem Bengalischen Tiger.
Für viele Menschen, die hier leben, ist der Wald jedoch ein Ort ständiger Gefahr. Malati Mondals Ehemann wurde vor rund zehn Jahren von einem Tiger getötet, als er auf einem kleinen Floß zum Fischen aufbrach. In einer Region, in der Lebensräume schrumpfen und die Bevölkerung wächst, nimmt die Zahl der Konflikte zwischen Mensch und Tier stetig zu.
Wenn die Raubkatze zur tödlichen Bedrohung wird
Im Gegensatz zu den meisten Großkatzen sind Bengal-Tiger amphibisch: Sie schwimmen lange Strecken, jagen Fische und Krabben. Doch durch Abholzung und Verlust natürlicher Rückzugsräume werden sie zunehmend in bewohnte Gebiete gedrängt.
Laut Schätzungen leben heute noch rund 125 Tiger im bangladeschischen Teil und etwa 88 auf indischer Seite. Seit dem Jahr 2000 sollen laut inoffiziellen Zahlen über 300 Menschen und 46 Tiger in Auseinandersetzungen gestorben sein.
Vor allem Männer, die tief in den Wald zum Fischen vordringen, werden überproportional oft angegriffen, erklärt Saurav Malhotra von der Umweltschutzorganisation Conservation International.
Ausgegrenzt und beschuldigt: die „Tiger-Witwen“
Für viele Frauen hat der Tod des Ehemanns nicht nur persönliche, sondern auch sozial verheerende Folgen. Frauen wie Mondal werden in ihren Dörfern als „Swami Khejos“ – übersetzt: „Männerfresserinnen“ – stigmatisiert. Man macht sie für den Tod ihrer Ehemänner verantwortlich und grenzt sie aus dem gesellschaftlichen Leben aus.
Die Konsequenz: Sie dürfen oft nicht mehr fischen oder Landwirtschaft betreiben, erhalten keine staatliche Unterstützung, da viele der tödlichen Angriffe bei illegalen Waldbesuchen geschehen – was sie von Entschädigungen ausschließt.
Hoffnung durch Wiederaufforstung – mit Tiger-Witwen an vorderster Front
Doch nun hat sich etwas verändert. Im Rahmen eines neuen Umweltprojekts sollen genau diese „Tiger-Witwen“ wieder Teil der Gesellschaft werden – und gleichzeitig aktiv zum Schutz der bedrohten Natur beitragen.
In der Region Jharkhali, entlang des Matla-Flusses, leitet der 26-jährige Shahif Ali vom Sozialunternehmen i-Behind The Ink (IBTI) ein Aufforstungsprojekt, das speziell auf Witwen und andere betroffene Frauen zugeschnitten ist. Ziel: 100 Hektar Mangrovenwald sollen wiederhergestellt werden.
Allein in dieser Woche pflanzen die Frauen über 100.000 Setzlinge auf einem 40 Hektar großen Abschnitt zwischen den Dörfern Laskarpur und Vivekananda Palli – ein Gebiet, das bisher nur durch einen einzigen Damm vor Überschwemmungen geschützt ist.
„Wenn der Damm bricht, ist alles verloren – Häuser, Felder, das ganze Dorf“, warnt Ali.
Die heimischen Mangrovenarten, die die Frauen über Monate selbst aufgezogen haben, sollen den Damm verstärken, den Küstenschutz verbessern und langfristig auch Bodenerosion, Versalzung und Fischsterben verhindern.
Ein Projekt, das Leben verändert
Malati Mondal ist eine von sieben Tiger-Witwen unter den aktuell 59 aktiven Teilnehmerinnen. Noch in diesem Monat sollen weitere 20 dazukommen, und laut Ali gibt es bereits Interesse von über 75 weiteren Frauen.
Die tägliche Bezahlung beträgt 300 Rupien (ca. 3,30 US-Dollar) – ein kleiner Betrag, der jedoch viel bewirkt, so Ali:
„Das kann den Unterschied machen zwischen Hunger und einer warmen Mahlzeit oder zwischen einer verschleppten Krankheit und ärztlicher Hilfe.“
Ziel: Würde und Widerstandskraft zurückgeben
Dieses lokale Projekt ist Teil der größeren „Mountains to Mangroves“-Initiative von Conservation International, die sich den Schutz von 1 Million Hektar Wald von den Himalaya-Ausläufern bis zu den Sundarbans zum Ziel gesetzt hat. Diese Region gehört zu den bevölkerungsreichsten Biodiversitäts-Hotspots der Welt und ist massiv von Klimawandel und Entwaldung betroffen.
„Die Rückkehr der Mangroven ist der ganzheitlichste Weg, um Klimaresilienz zu schaffen“, sagt Malhotra. „Dass dabei auch Frauen neue Perspektiven erhalten, ist ein riesiger Gewinn.“
Für Projektleiter Shahif Ali geht es um weit mehr als nur Umweltschutz:
„Ich möchte ein sicheres Umfeld für die Frauen schaffen, ihnen Würde und Perspektive zurückgeben. Wenn sie sich respektiert fühlen, folgen andere ihrem Beispiel.“
Er will das Projekt auf weitere gefährdete Küstengebiete ausweiten, auch wenn das bedeutet, abgelegene Regionen zu Fuß zu erreichen. Denn: „Je mehr Menschen wir erreichen, desto größer der Wandel.“
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