Startseite Allgemeines „Ich fühle mich frei“: Wie Australiens Social-Media-Verbot für Jugendliche das Leben verändert
Allgemeines

„Ich fühle mich frei“: Wie Australiens Social-Media-Verbot für Jugendliche das Leben verändert

Pixelkult (CC0), Pixabay
Teilen

Ein Monat nach Inkrafttreten des australischen Social-Media-Verbots für unter 16-Jährige ziehen erste Betroffene Bilanz. Für die 14-jährige Amy aus Sydney hat sich seither viel verändert – zum Positiven.

„Ich bin weniger am Handy. Und wenn ich es benutze, dann mit einem echten Zweck“, sagt sie. Snapchat war für sie lange ein fester Bestandteil ihres Alltags. Vor dem Schulweg, nach dem Unterricht, beim Entspannen – immer war die App dabei.

Doch seit dem 10. Dezember ist damit Schluss. Facebook, Instagram, TikTok, Snapchat und weitere Plattformen sind für unter 16-Jährige gesetzlich gesperrt – Plattformbetreiber, die keine wirksamen Maßnahmen zur Alterskontrolle einführen, drohen Geldstrafen von bis zu 49,5 Millionen Australischen Dollar.

Snapchat war der Auslöser – für alles andere

„Snapchat war das, was mich überhaupt erst aufs Handy gebracht hat“, erzählt Amy. „Danach ging’s weiter zu Instagram, dann TikTok – und plötzlich war eine Stunde vergangen.“

In einem Tagebuch, das sie in der ersten Woche nach dem Verbot führte, beschreibt sie die Entzugserscheinungen. Noch am zweiten Tag öffnete sie „aus Gewohnheit“ morgens die gesperrte App. Doch bereits nach wenigen Tagen wich der Frust einer neuen Freiheit:

„Es ist irgendwie befreiend, keine ‚Streaks‘ mehr machen zu müssen.“

Die sogenannten Streaks, bei denen Freunde täglich gegenseitig Fotos senden müssen, um eine virtuelle Serie aufrechtzuerhalten, gelten als besonders suchtfördernd.

Heute geht Amy joggen, liest oder häkelt – Hobbys, die vorher im Hintergrund standen.

Verbot? Nicht für alle

Doch nicht alle Jugendlichen ziehen eine so positive Bilanz. Der 13-jährige Aahil etwa hat kaum Veränderungen festgestellt. Mit gefälschtem Geburtsdatum nutzt er weiterhin Snapchat und YouTube. Dazu kommen Spieleplattformen wie Roblox oder Discord, die vom Verbot nicht betroffen sind.

„Es hat eigentlich nichts verändert“, sagt er offen. Im Gegenteil: Seine Mutter berichtet, dass er nun „mehr Zeit mit Videospielen verbringt“ – und dabei verschlossener wirke.

Verlagerung statt Verzicht

Experten sehen im Verhalten vieler Teenager kompensatorische Strategien. Wenn geliebte Plattformen entfallen, suchen junge Menschen nach Alternativen. Tatsächlich verzeichneten kaum bekannte Apps wie Lemon8 oder Coverstar kurz vor dem Verbot sprunghaft steigende Downloadzahlen. Auch VPN-Dienste wurden vermehrt installiert, um die Sperren zu umgehen – wenngleich dies technisch oft wenig erfolgreich ist.

„Jugendliche geben nicht einfach auf, sie suchen neue Wege, um sich verbunden zu fühlen, sich auszudrücken oder abzulenken“, sagt Psychologin Christina Anthony.

Mehr WhatsApp, weniger echte Treffen

Auch Kommunikationswege haben sich verschoben. Viele Teenager weichen inzwischen auf WhatsApp oder Facebook Messenger aus – beide Plattformen sind derzeit nicht vom Verbot betroffen. Echte Treffen mit Freunden sind hingegen nicht häufiger geworden.

„Social Media macht Spaß, weil es sozial ist“, erklärt Anthony. „Ohne Freunde auf der Plattform verliert sie ihren Reiz.“

Lesen statt Scrollen – aber nicht für alle

Auch die 15-jährige Lulu umgeht das Verbot mit neuen Accounts. Dennoch habe sie „etwas mehr gelesen“ und versuche, Social Media bewusster zu nutzen. Sportlicher oder kontaktfreudiger sei sie jedoch nicht geworden.

„Ein positiver Nebeneffekt“ – aber wird es bleiben?

Für Amy hatte das Verbot noch eine weitere Wirkung. Am 14. Dezember kam es in Sydney zu einem Anschlag auf ein jüdisches Hanukkah-Fest am Bondi Beach mit 15 Toten.

„Ich war froh, dass ich an dem Tag nicht auf TikTok war. Ich hätte sicher zu viele schlimme Bilder gesehen.“

Amy nutzt ihr Handy mittlerweile nur noch halb so viel wie früher. Besonders das Fehlen von Snapchat sei „ein Gamechanger“, wie sie sagt. Ihre Mutter beobachtet, dass ihre Tochter „mehr Zeit für sich“ findet – ob das aber dauerhaft mit dem Verbot zusammenhängt oder einfach an den Sommerferien liegt, könne man noch nicht sagen.

Auswirkungen des Verbots: Noch offen

Das Büro der eSafety-Kommissarin will in Kürze Zahlen veröffentlichen, wie viele Konten seit dem 10. Dezember deaktiviert wurden. Die Regierung zeigt sich bereits zufrieden: Der Kommunikationsministerin zufolge mache das Verbot „einen echten Unterschied“, andere Länder zeigten bereits Interesse am australischen Modell.

Für viele Eltern ist das Verbot ein Schritt in die richtige Richtung. Doch Kritiker warnen: Gaming-Plattformen, die ähnlich intensive soziale Dynamiken bieten wie soziale Netzwerke, bleiben ausgenommen. Noch ist unklar, ob Jugendliche dorthin „abwandern“.

Der Medienwissenschaftler Dr. Mark Johnson von der Universität Sydney fasst es so zusammen:

„Einige Eltern sind erleichtert, andere sehen, wie schwer es ihren Kindern fällt, mit Freunden in Kontakt zu bleiben.“

Wie nachhaltig die Auswirkungen des Social-Media-Verbots tatsächlich sind, bleibt also abzuwarten.

 

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Brandkatastrophe von Crans-Montana: Notausgang war von innen verschlossen – zentrale Frage im Strafverfahren

Im Zuge der Ermittlungen zum verheerenden Brand in der Bar „Le Constellation“,...

Allgemeines

Trump schließt „Peacemaker“-Einheit des US-Justizministeriums – Experten warnen vor Eskalation

Inmitten wachsender Proteste gegen tödliche Einsätze von Bundesbehörden hat die US-Regierung unter...

Allgemeines

Trump droht mit weiteren Militäraktionen: Venezuela-Einsatz als Signal an die Welt

Nach einem Jahr diplomatischer Initiativen hat Präsident Donald Trump in seinem zweiten...

Allgemeines

Washington National Opera verlässt umbenanntes „Trump-Kennedy Center“ – Künstlerproteste und rechtliche Auseinandersetzungen folgen

Die renommierte Washington National Opera (WNO) zieht sich erstmals seit über 50...