Ein Beamter der US-Einwanderungsbehörde ICE, der vergangene Woche in Minneapolis die 37-jährige Renee Nicole Good erschoss, war laut Gerichtsunterlagen bereits im Sommer zuvor bei einer Verkehrskontrolle schwer verletzt worden.
Damals wurde der Agent – laut Dokumenten Jonathan Ross – etwa 100 Meter weit von einem Fahrzeug mitgeschleift, nachdem er seinen Arm durch ein Autofenster gesteckt hatte. Der Fahrer gab Gas, Ross wurde über den Asphalt gezogen. Dabei erlitt er Verletzungen an Arm und Hand und setzte einen Taser ein, wie die Akten zeigen.
Rund sechs Monate später traf Ross erneut auf eine Fahrerin, die plötzlich beschleunigte – diesmal zog er seine Dienstwaffe und erschoss Renee Nicole Good.
Ein hochrangiger Beamter des Heimatschutzministeriums bestätigte gegenüber CNN, dass es sich bei beiden Vorfällen um denselben ICE-Agenten handelt.
Ross‘ Einsätze unter verstärkter Beobachtung
Im Zuge der landesweiten Diskussion um tödliche Polizeigewalt geraten nun Ross’ beruflicher Werdegang und seine Handlungsweisen verstärkt in den Fokus. In einem Gerichtsprotokoll zur ersten Verkehrskontrolle beschreibt Ross seine langjährige Erfahrung: Er diente im Irak mit der Nationalgarde als Schütze (2004–2005) und arbeitete anschließend bei der Grenzschutzbehörde sowie bei ICE.
Er habe in seiner fast 20-jährigen Laufbahn „Hunderte“ von Verkehrskontrollen durchgeführt, oft unter gefährlichen Umständen. „Sie (die Fahrer) handeln erratisch, gehen große Risiken ein und achten kaum auf andere Verkehrsteilnehmer“, sagte Ross damals vor Geschworenen.
Die Trump-Regierung verweist auf den Vorfall vom Juni 2025 als Beleg dafür, dass ICE-Beamte regelmäßig lebensbedrohlichen Situationen ausgesetzt seien. Vizepräsident JD Vance erklärte dazu: „Dieser ICE-Beamte wurde vor sechs Monaten beinahe getötet – glauben Sie nicht, dass er jetzt sensibler auf solche Situationen reagiert?“
War die Bedrohung wirklich akut?
Kritiker sehen den aktuellen Fall jedoch anders. Die ehemalige Polizeichefin von Minneapolis, Medaria Arradondo, betonte im Gespräch mit CNN, dass in der aktuellen Situation keine akute Lebensgefahr bestanden habe: „Um tödliche Gewalt anzuwenden, müssen gravierende Bedrohungen vorliegen. In diesem Fall hätte sich der Beamte einfach aus dem Weg begeben können.“
Auch Michael Harrigan, ein ehemaliger FBI-Agent, sagte, dass frühere Erlebnisse zwar das Verhalten beeinflussen könnten, aber rechtlich nicht als Rechtfertigung dienen: „Jede Situation muss für sich allein betrachtet werden. Was vorher war, zählt nicht – das wissen Beamte.“
Ross’ Hintergrund bei ICE
Ross trat 2007 dem US-Grenzschutz bei, arbeitete u. a. in El Paso, Texas, an der Aufklärung von Drogenschmuggel und Kartellstrukturen. Seit 2015 ist er bei ICE im Bereich „Fugitive Operations“ in der Region Minneapolis tätig. Laut Aussage von Tricia McLaughlin, Sprecherin des Heimatschutzministeriums, gehört er einer Spezialeinheit an, die strenge Auswahlverfahren, ständige Schulungen und hohe Schießstandqualifikationen verlangt.
Der Vorfall vom Juni 2025
Am 17. Juni 2025 sollte Ross zusammen mit anderen Beamten den gesuchten Roberto Carlos Muñoz-Guatemala festnehmen – einem illegalen Einwanderer, der wegen sexuellen Missbrauchs einer Jugendlichen angeklagt war. Obwohl ICE eine Inhaftierung beantragt hatte, wurde dieser Wunsch abgelehnt.
Als Muñoz-Guatemala in seinem Auto saß, forderte Ross ihn mehrfach auf, die Tür zu öffnen. Als er sich weigerte, schlug Ross ein Fenster ein und versuchte, die Tür von innen zu öffnen – dabei steckte sein Arm im Fahrzeug, als Muñoz-Guatemala plötzlich beschleunigte.
Ross wurde über eine Strecke von ca. 100 Metern mitgeschleift. Er erlitt tiefe Schnittwunden an beiden Armen, die mit insgesamt über 30 Stichen genäht werden mussten. In seiner Aussage schilderte er, wie er „aus voller Kehle“ um Anhalten rief und seinen Taser mehrfach abfeuerte.
Muñoz-Guatemala wurde später wegen Angriffs auf einen Bundesbeamten verurteilt.
Ross bestätigte im Dezember vor Gericht, dass ICE in Minneapolis keine Bodycams einsetzt – die Einführung solcher Kameras sei bislang auf bestimmte Dienststellen beschränkt.
Der tödliche Vorfall mit Renee Good
Am Mittwoch begann der tödliche Einsatz gegen Good, als ihr Auto offenbar eine Straße blockierte. Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie zwei Beamte sich ihrem Wagen nähern, während Ross vor das Auto tritt. Good setzt kurz zurück, legt dann den Vorwärtsgang ein – ihr Lenkrad scheint leicht nach rechts gedreht zu sein, also nicht direkt auf Ross gerichtet. Dennoch eröffnet er das Feuer.
Good fährt noch einige Meter weiter, prallt gegen parkende Fahrzeuge und stirbt wenig später.
In den Minuten nach den Schüssen nähert sich Ross dem Unfallwagen, entfernt sich dann aber wieder und fordert einen Kollegen auf, den Notruf zu wählen. Danach fährt er gemeinsam mit einem weiteren Agenten in einem anderen Wagen davon.
Kritik an Taktik und Vorgehen
Fachleute kritisieren Ross’ Handlungsweise. Laut den eigenen Richtlinien von ICE soll nur auf fahrende Fahrzeuge geschossen werden, wenn eine unmittelbare Gefahr besteht.
„Viele Beamte sind nicht für den Umgang mit Menschenmengen oder sensiblen Einsätzen geschult – das ist eine gefährliche Kombination“, sagt John Amaya, ehemaliger ICE-Funktionär unter Obama.
Charles Ramsey, früher Polizeichef von Philadelphia, ergänzt: „Man steckt nicht seine Hand in Autos – so wird man überfahren. Man stellt sich auch nicht vor oder hinter ein Fahrzeug mit laufendem Motor.“ Viele Polizeibehörden hätten solche Praktiken mittlerweile verboten.
Auch wenn einige Handlungen möglicherweise juristisch vertretbar seien, gelte dennoch: „Nur weil man etwas darf, heißt das nicht, dass man es tun sollte. Tödliche Gewalt ist das allerletzte Mittel – und er hatte Alternativen“, so Ramsey abschließend.
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