In den Sommermonaten herrscht normalerweise reges Treiben vor den Filialen von Home Depot: Dort warten Tagelöhner – viele von ihnen ohne Papiere – auf kurzfristige Jobs als Maler, Dachdecker oder Bauhelfer. Doch in diesem Jahr sind viele dieser Arbeitskräfte verschwunden. Grund: verstärkte Razzien durch die US-Einwanderungsbehörde ICE. Seit Mai 2025 wurden in den Parkplätzen mehrerer Filialen in Städten wie Los Angeles, New York oder Baltimore Dutzende Tagelöhner festgenommen. Medienberichten zufolge hatte ein hoher Regierungsbeamter des Trump-Lagers gezielt solche Einsätze gegen Tagelöhner bei Home Depot angeordnet.
Ein betroffener Arbeiter aus New Jersey, der seit über zehn Jahren in den USA lebt, erklärte gegenüber CNN, dass er aus Angst vor Festnahme keine Jobs mehr vor dem Baumarkt suche – obwohl der Sommer die wichtigste Saison sei. „Ich bin mit der Miete im Rückstand, aber ich will nicht im Home-Depot-Parkplatz von ICE aufgegriffen werden“, sagte er.
Jahrzehntelange Verbindung zwischen Home Depot und Tagelöhnern
Die Verbindung zwischen Home Depot und Tagelöhnern ist nicht neu. Seit den 1980er Jahren hat sich rund um die expandierenden Baumärkte eine informelle Arbeitsvermittlung entwickelt – insbesondere in Städten mit hohem Migrationsanteil. Die Vorteile lagen auf beiden Seiten: Tagelöhner konnten an einem zentralen Ort Kunden finden, während Bauherren und Heimwerker direkt neben Hammer und Nägeln auch Arbeitskräfte fanden.
Doch diese Zweckgemeinschaft ist ins Wanken geraten. Tagelöhner beklagen mangelnden Schutz, Behörden greifen hart durch, und Home Depot verweist auf geltendes Recht. Das Unternehmen bestreitet, dass Tagelöhner Teil seines Geschäftsmodells seien – obwohl ein erheblicher Anteil des Umsatzes (rund 50 % von ca. 160 Mrd. US-Dollar jährlich) von sogenannten „Pro-Kunden“ stammt: Bauunternehmer, Handwerker und kleinere Baufirmen, die oft Tagelöhner beschäftigen.
Symbol für ein kaputtes Einwanderungssystem
Der Anblick von Tagelöhnern vor Home-Depot-Filialen ist für viele längst ein Sinnbild für die Schwächen des US-Einwanderungssystems geworden – sowohl für Unterstützer als auch Kritiker. In der Vergangenheit demonstrierten Anti-Einwanderungsgruppen regelmäßig vor Filialen, konservative Sheriffs führten gezielte Razzien durch.
In einigen Städten wie Los Angeles wurde dagegen versucht, das Problem zu regulieren: Dort sind neue Baumärkte verpflichtet, Unterstände und sanitäre Einrichtungen für Tagelöhner bereitzustellen. Andere Städte wie New York fördern Zentren zur Arbeitsvermittlung für Tagelöhner. Doch es fehlt eine einheitliche Linie – auch bei Home Depot selbst. Die Anwendung der „No Solicitation“-Regel, also des Verbots der Arbeitsplatzsuche auf dem Firmengelände, liegt im Ermessen der Filialleitung.
Spürbare Folgen für Arbeiter und Baumarkt
In New Rochelle (New York) wurden zuletzt zwei Tagelöhner wegen Hausfriedensbruchs festgenommen – begleitet von Sicherheitsleuten mit Hunden. Eine gemeinnützige Organisation, die dort seit über zehn Jahren mit Tagelöhnern arbeitet, kritisiert die abrupte Verschärfung. Home Depot äußerte sich dazu nicht.
Für viele Tagelöhner sind die Einsätze vor Home Depot überlebenswichtig – sie verdienen dort mehr als in Gastronomie oder Reinigungsjobs. Doch der Preis ist hoch: keine festen Löhne, keine Absicherung, und ständige Angst vor Razzien. Manche Arbeitgeber nutzen die Situation aus – sie lassen die Arbeiter schuften und verschwinden anschließend ohne Bezahlung.
Boykottaufrufe und politische Spannungen
Aktivisten fordern, dass Home Depot sichere Zonen für Tagelöhner einrichtet und ICE den Zugang zu Privatgelände ohne richterliche Verfügung verweigert. Sollte sich das Unternehmen verweigern, stehen Boykottaufrufe im Raum – gerade in einer Zeit, in der die Umsätze mit Heimwerkern stagnieren.
Ein Arbeiter bringt es auf den Punkt: „Wir tun nichts Unrechtes. Wir wollen nur arbeiten.“ Doch solange Politik, Rechtsprechung und unternehmerisches Handeln nicht an einem Strang ziehen, bleibt die Zukunft der Tagelöhner – und der Ruf von Home Depot – ungewiss.
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