Als ICE-Agent Jonathan Ross am Mittwoch in Minneapolis auf das Fahrzeug von Renee Good zuging, hielt er sein Handy hoch und begann, die Begegnung zu filmen.
Weniger als eine Minute später schoss Ross mit gezogener Waffe auf Good – und tötete sie – während er weiterhin filmte, wie sie mit dem Auto beschleunigte.
Dieses außergewöhnliche Video, ergänzt durch Aufnahmen von Passanten und ein von CNN erstelltes 3D-Modell des Vorfalls, zeigt, wie Good und ihre Ehefrau den ICE-Beamten gegenübertraten. Es wirft aber auch neue Fragen zu Ross’ Vorgehen und seiner Entscheidung zum Schusswaffengebrauch auf.
CNN hat mehrere Videos der Schießerei analysiert und kommt dabei zu dem Schluss, dass einige Aussagen des Heimatschutzministeriums (DHS) durch das Videomaterial widerlegt oder zumindest infrage gestellt werden.
Obwohl DHS erklärte, Good habe die Beamten blockiert, zeigen die Aufnahmen, dass mehrere Fahrzeuge – darunter auch Ross‘ SUV – problemlos an Goods Auto vorbeifahren konnten, bevor es zur Eskalation kam.
Handy als Hindernis bei der Reaktion
Einige Experten kritisieren, dass Ross während der gesamten Begegnung filmte – sogar im Moment, als er schoss. Das habe möglicherweise seine Reaktionsfähigkeit beeinträchtigt.
„Wenn Sie als Beamter mit einer potenziellen Bedrohung konfrontiert sind, sollten Ihre Hände frei sein“, sagt Jonathan Wackrow, CNN-Experte für Polizeiarbeit. „Genau dafür gibt es Bodycams – aber ICE-Beamte tragen keine.“
Obwohl die Regierung Ross verteidigt und argumentiert, das Video belege seine Notwehr, äußern sich andere Fachleute kritisch. Ein ehemaliger ranghoher DHS-Beamter sagte anonym gegenüber CNN: „Ich wäre außer mir gewesen, wenn einer meiner Leute so gehandelt hätte. Wenn Sie sich bedroht fühlen – warum haben Sie dann ein Handy in der Hand?“
Obwohl Ross das Geschehen durchgängig filmte, ist Good im Moment der Schüsse nicht im Bild.
Schnelle Eskalation, mangelnde Taktik
Mehrere Experten wiesen darauf hin, wie rasch die Situation eskalierte – und dass Ross sich durch seine Positionierung vor dem Fahrzeug selbst in eine taktisch schlechte Lage brachte.
Unmittelbar vor den Schüssen waren Good und ihre Ehefrau Becca mit Ross im Gespräch. Die Stimmung wirkte nicht angespannt. Good sagte zu Ross: „Ich bin nicht sauer auf dich.“
„Der Moment, in dem sie ihm zulächelt, sagt viel“, kommentiert Charles Ramsey, ehemaliger Polizeichef von Philadelphia. „Sie sieht nicht im Geringsten aus wie eine inländische Terroristin.“
ICE hat laut einer Quelle aus dem Bundesvollzug keine klare Richtlinie, ob Beamte persönliche oder dienstliche Handys zur Aufzeichnung von Einsätzen verwenden dürfen. Aufnahmen von Diensthandys können geprüft werden, bei Privatgeräten braucht es in der Regel einen richterlichen Beschluss.
Was zeigen die Aufnahmen?
Ross gehörte zu einer ICE-Einheit, die in Süd-Minneapolis im Einsatz war, als sie auf Good trafen. Diese hatte ihren burgunderfarbenen SUV quer auf der Straße geparkt. Becca Good erklärte später gegenüber MPR News: „Wir wollten unsere Nachbarn unterstützen. Wir hatten Pfeifen, sie hatten Waffen“ – ein Hinweis auf Protestaktionen gegen ICE-Razzien.
Die Regierung beschreibt Good als Person, die ICE-Einsätze behinderte. Doch CNN liegt keine Aufnahme vor, die eine vorherige Konfrontation zeigt. Stattdessen zeigt das Video, dass mehrere Fahrzeuge – darunter Ross‘ SUV – an Goods Wagen vorbeifuhren, obwohl dieser quer auf der Straße stand.
Als Ross ausstieg und sich Good näherte, begann er zu filmen. Good saß ruhig am Steuer, beide Hände sichtbar, und sagte: „Alles gut, ich bin nicht sauer.“
Becca Good, inzwischen ausgestiegen, richtete ihr eigenes Handy auf Ross: „Willst du uns wirklich angreifen? Geh lieber Mittag essen, großer Junge.“
Ein weiterer Beamter rief der Fahrerin zu: „Raus aus dem verdammten Auto!“
Ross filmte weiter, als er sich vor das Auto stellte. Good fuhr erst rückwärts, dann vorwärts. „Fahr, Baby, fahr!“, rief Becca von draußen. Good lenkte offenbar vom Beamten weg, doch Ross’ Kamera zeigte keinen Kontakt zwischen Auto und Person.
Mit dem Handy in der einen und der Dienstwaffe in der anderen Hand rief Ross „Woah“, zog die Waffe und schoss – tödlich. Good fuhr noch ein Stück weiter, bevor das Auto zum Stehen kam.
Ross hatte sein Handy auch nach der Schießerei noch in der Hand – die Kamera-App war weiter geöffnet.
Politische Reaktionen
Die Trump-Regierung veröffentlichte Ross‘ Video und bezeichnete es als Beleg für eine gerechtfertigte Notwehr.
„So schwer es auch ist – schaut euch das an“, schrieb Vizepräsident J.D. Vance auf X. „Uns wurde erzählt, dieser Beamte sei nicht in Gefahr gewesen und habe eine unschuldige Frau getötet. Die Wahrheit ist: Sein Leben war bedroht.“
Wackrow sagt, in bestimmten Fällen sei Handy-Aufzeichnung durch Beamte gerechtfertigt – aber nur bei entsprechender Zuweisung. In Ross’ Fall sei das fragwürdig: „Man sollte die Hände frei haben, um auf Bedrohungen reagieren zu können.“
Charles Ramsey betonte, der Vorfall zeige erneut, warum es Bodycams für alle Polizeibehörden geben müsse – lokal wie bundesweit.
„In den meisten Fällen zeigen Bodycams, dass das Vorgehen der Beamten gerechtfertigt war – nicht umgekehrt“, so Ramsey.
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