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Hamas festigt wieder ihre Kontrolle im Gazastreifen – trotz schwerer Verluste im Krieg gegen Israel

hosnysalah (CC0), Pixabay
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Nach dem von den USA vermittelten Waffenstillstand im Oktober hat sich der Krieg zwischen Israel und der Hamas in eine neue Phase verlagert. Während die Gefechte weitgehend zum Erliegen kamen, begann für die Hamas ein anderer Kampf: der um die Kontrolle im Inneren des Gazastreifens.

Der militärische Konflikt hatte die Organisation schwer getroffen. Ihre strukturierten Kampfeinheiten waren zerschlagen worden, zahlreiche führende Köpfe getötet. Große Teile der Infrastruktur Gazas liegen in Trümmern, Hunderttausende Menschen wurden vertrieben, die Wirtschaft ist weitgehend kollabiert. Nach Angaben des von der Hamas geführten Gesundheitsministeriums kamen mehr als 72.000 Palästinenser durch israelische Angriffe ums Leben.

Vier Monate nach Inkrafttreten der Waffenruhe berichten Bewohner jedoch, dass die Hamas wieder weite Teile des öffentlichen Lebens kontrolliert.

Rückkehr von Polizei, Verwaltung und Sicherheitsapparat

Nach Aussagen von Aktivisten vor Ort hat die Hamas in über 90 Prozent der von ihr kontrollierten Gebiete ihre Autorität wiederhergestellt. Polizeikräfte patrouillieren erneut auf den Straßen, Sicherheitsdienste verfolgen mutmaßliche Kriminelle, aber auch Personen, die als „Kollaborateure“ oder politische Gegner gelten.

Für viele administrative Vorgänge – von Ausweisdokumenten bis hin zu Gesundheitsangelegenheiten – müssen sich die Bürger wieder an Hamas-Behörden wenden. Auch das Justizsystem und die Gerichte stehen laut Berichten erneut unter ihrer Kontrolle.

Auf den Märkten in Gaza-Stadt ist die Präsenz staatlicher Ordnungskräfte ebenfalls deutlich spürbar. Händler berichten von regelmäßigen Kontrollen und der konsequenten Einforderung von Gebühren und Steuern.

Steuerdruck trotz humanitärer Notlage

Zwar gelangen seit der Waffenruhe wieder mehr Lebensmittel und Grundgüter in den Gazastreifen, doch Händler klagen über hohe Abgaben. Importlizenzierte Großhändler berichten, die Hamas habe die Kontrolle über Zölle und Abgaben erneut verschärft.

Ein Händler, der anonym bleiben wollte, schilderte, dass für bestimmte Waren Steuern von 20.000 Schekel (umgerechnet mehrere tausend Euro) oder mehr verlangt würden – abhängig von Art und Menge der Güter. Wer nicht zahle, müsse mit Druck, Drohungen oder sogar Entführungen rechnen. Zahlungen würden in bar abgewickelt, um die Nachverfolgbarkeit zu erschweren.

Nach Einschätzung lokaler Beobachter baut die Hamas damit schrittweise das frühere Finanzsystem wieder auf – allerdings diskreter, um internationale Kontrolle zu vermeiden.

Ein Sprecher der Hamas, Hazem Qassem, verteidigte das Vorgehen. Der Gazastreifen befinde sich im Ausnahmezustand, daher seien „außergewöhnliche Maßnahmen“ notwendig. Man gehe gegen Händler vor, die überhöhte Gewinne erzielten oder mit der „Besatzungsmacht“ kooperierten. Dabei handle es sich um Verwaltungsfragen, nicht um parteipolitische Maßnahmen.

Israels Sorge vor militärischem Wiederaufbau

Für Israel ist die Wiedererstarkung der Hamas ein zentrales Problem. Die israelischen Streitkräfte betonen, die Organisation sei militärisch erheblich geschwächt worden, versuche jedoch nun, sich neu zu formieren.

Nach Angaben der israelischen Armee kam es seit Beginn der Waffenruhe zu täglichen Zwischenfällen. Vier israelische Soldaten seien dabei getötet worden. Gleichzeitig meldet das Gesundheitsministerium in Gaza weiterhin hunderte palästinensische Todesopfer durch israelische Angriffe seit dem Waffenstillstand.

Israels Regierung macht deutlich, dass ein dauerhafter Frieden nur möglich sei, wenn die Hamas vollständig entwaffnet werde. Auch der zweite Abschnitt des von Donald Trump vorgeschlagenen Friedensplans sieht die Entwaffnung der Organisation als Voraussetzung für den Wiederaufbau Gazas vor.

Schwierige Frage der Entwaffnung

Die praktische Umsetzung einer Entwaffnung gilt als äußerst komplex. Unklar ist unter anderem, wem die Hamas ihre Waffen übergeben würde, welche Waffentypen betroffen wären und wie eine vollständige Überprüfung erfolgen könnte.

Innerhalb der Organisation gibt es Berichten zufolge Stimmen, die zumindest den Erhalt persönlicher Waffen zur „Selbstverteidigung“ fordern. Israels Führung lehnt solche Modelle strikt ab und droht bei mangelnder Kooperation mit einer Wiederaufnahme militärischer Operationen.

Zugleich ist eine internationale Stabilisierungstruppe, die perspektivisch die Sicherheitsverantwortung übernehmen könnte, bislang nicht einsatzbereit. Auch ein geplantes palästinensisches technokratisches Gremium zur Verwaltung ziviler Angelegenheiten wartet in Ägypten auf die Umsetzung seiner Rolle.

Zwar erklärte die Hamas öffentlich ihre Bereitschaft, administrative Aufgaben zu übergeben. Beobachter vor Ort berichten jedoch von umfangreichen Neueinstellungen in Regierungsstellen – was Kritiker als Versuch werten, langfristig Einfluss in künftigen Verwaltungsstrukturen zu sichern. Die Hamas bestreitet, dass es sich dabei um politische Personalentscheidungen handelt.

Kontrolle über Bevölkerung als strategischer Schlüssel

Ein weiterer strategischer Aspekt betrifft die Kontrolle über die Bevölkerung selbst. In israelisch kontrollierten Gebieten nahe Rafah wird Berichten zufolge Infrastruktur für neue Wohnanlagen vorbereitet. Ziel sei es, Teile der Bevölkerung aus von der Hamas kontrollierten Zonen abzuziehen – verbunden mit der Aussicht auf Versorgung und medizinische Betreuung.

Bislang haben nur wenige Menschen diesen Schritt gewagt. Viele betrachten einen Wechsel in israelisch kontrollierte Gebiete als politische Positionierung.

Für die Hamas ist die Bevölkerung jedoch ein zentraler Machtfaktor – nicht nur politisch, sondern auch finanziell. Nach zwei Jahren militärischer Auseinandersetzung könnte sich der eigentliche Machtkampf nun stärker um die Loyalität und Kontrolle der Zivilbevölkerung drehen.

Gaza zwischen Wiederaufbau und Machtkampf

Der Gazastreifen bleibt ein Gebiet im Ausnahmezustand: massive Zerstörung, Mangel an Wohnraum, Bildungs- und Gesundheitskrise sowie wirtschaftliche Perspektivlosigkeit prägen den Alltag.

Während internationale Akteure an politischen Lösungen arbeiten, festigt die Hamas Schritt für Schritt ihre Präsenz. Ob sie bereit ist, ihre Waffen und ihren Einfluss tatsächlich aufzugeben, bleibt offen.

Der Waffenstillstand hat die Kämpfe vorübergehend beendet – doch der politische und gesellschaftliche Machtkampf um Gazas Zukunft hat gerade erst begonnen.

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