In Großbritannien wagt die Regierung ein gesellschaftliches Experiment von historischer Tragweite: Über hundert Jugendliche sollen ausprobieren, wie sich ein Leben mit weniger – oder sogar ganz ohne – Social Media anfühlt. Der „Guardian“ berichtet, dass mehr als 150 junge Menschen im Alter zwischen 13 und 15 Jahren dafür herangezogen werden.
Man könnte sagen: Feldversuch am Objekt.
Die dreiwöchige „Konsultation“ soll herausfinden, was passiert, wenn man Teenagern entweder sämtliche sozialen Netzwerke entzieht, die Nutzung auf eine Stunde täglich begrenzt oder ihnen nachts das Handy abschaltet. Beobachtet werden Schlaf, Stimmung und körperliche Aktivität – also all jene Phänomene, die man bislang nur aus Geschichtsbüchern kennt.
Die weltweit ambitionierteste Beratung
Die Regierung von Premierminister Keith Starmer spricht von den „weltweit ambitioniertesten Beratungen über Social Media“. Man darf annehmen, dass irgendwo zwischen TikTok-Tanz und Snapchat-Filter die Zukunft der Nation entschieden wird. Die Ergebnisse der Konsultation sollen „ausschlaggebend“ für politische Maßnahmen sein – was beruhigend ist, denn Teenager sind bekanntlich für ihre nüchternen, langfristig durchdachten Einschätzungen komplexer Regulierungsfragen berühmt.
Unendliches Scrollen vor dem Aus?
Zur Debatte steht unter anderem, ob es ein Mindestalter für soziale Netzwerke geben soll – und falls ja, wie man dieses Alter bestimmt. Vielleicht per Horoskop oder Reifegrad-Quiz.
Besonders brisant: Auch „süchtig machende Funktionen“ wie endloses Scrollen und Autoplay könnten eingeschränkt werden. Also genau jene Mechanismen, auf denen das Geschäftsmodell vieler Plattformen basiert. Man testet damit praktisch, ob Fast-Food-Ketten auch ohne Zucker, Fett und Salz überleben können.
Darüber hinaus werden nächtliche Nutzungssperren und strengere Altersprüfungen diskutiert. Die Vorstellung, dass Jugendliche nach 22 Uhr womöglich schlafen statt scrollen, dürfte für einige Branchen als radikale Systemveränderung gelten.
Zwischen Fürsorge und Realitätscheck
Ob das Experiment am Ende zu weitreichenden Verboten führt oder lediglich bestätigt, dass 14-Jährige auch ohne 3-Uhr-morgens-Reels existieren können, bleibt abzuwarten. Fest steht: Großbritannien erforscht gerade die revolutionäre Hypothese, dass Teenager möglicherweise doch noch andere Beschäftigungen finden könnten als das permanente Aktualisieren eines Bildschirms.
Sollte sich das bewahrheiten, wäre das tatsächlich eine Nachricht von weltweiter Bedeutung.
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