Die geopolitischen Spannungen rund um US-Präsident Donald Trumps Bestrebungen, Grönland unter amerikanische Kontrolle zu bringen, überschatten das diesjährige Weltwirtschaftsforum in Davos. Führende Politiker aus Europa und Kanada kritisierten offen die außenpolitische Linie der USA, die sich zunehmend von internationalen Normen und multilateraler Zusammenarbeit entfernt.
Macron: „Imperiale Ambitionen“ und „Gesetz des Stärkeren“
Der französische Präsident Emmanuel Macron warnte in einer flammenden Rede vor einem „Abdriften in eine Welt ohne Regeln“. Ohne Trump namentlich zu nennen, kritisierte er die „endlose Anhäufung von Zöllen“ und sprach von einer Rückkehr zu imperialem Denken, das „Europas Souveränität untergraben“ solle.
Macron zeigte sich entschlossen, dem etwas entgegenzusetzen: Europa verfüge heute über „starke Werkzeuge“, um seine Interessen zu verteidigen, etwa das neue EU-Handelsschutzinstrument, das als „Anti-Erpressungswaffe“ gegen feindliche Wirtschaftspolitik gedacht ist.
Trump: Zwangsmittel gegen Verbündete
Trump hatte zuvor mit Zöllen von bis zu 200 % auf französischen Wein und Champagner gedroht, sollte Macron seinem neu initiierten „Board of Peace“ für Gaza nicht beitreten. Die USA würden das Friedensgremium auch mit anderen internationalen Konflikten beauftragen, heißt es in Einladungen an Staats- und Regierungschefs, was Kritiker als Konkurrenz zur UNO werten.
Frankreich lehnt eine Teilnahme ab. Trump kommentierte das gewohnt polemisch: „Niemand will ihn [Macron], er ist bald weg vom Fenster.“ Der Sitz im Board kostet 1 Milliarde Dollar – Ungarn und Vietnam haben bereits zugesagt. Auch Russlands Präsident Wladimir Putin wurde eingeladen.
Grönland als geopolitisches Druckmittel
Parallel droht Trump acht europäischen Staaten – darunter Deutschland, Frankreich und Dänemark – mit Strafzöllen von bis zu 25 % auf alle Waren ab Juni, solange kein „vollständiger Kauf Grönlands“ vereinbart sei. In einem privaten Text an Norwegens Premier schrieb Trump, er sehe sich nicht mehr dem Frieden verpflichtet, nachdem ihm der Friedensnobelpreis verweigert wurde.
Der Premier von Grönland, Jens-Frederik Nielsen, warnte: „Internationale Rechtsordnung ist kein Spiel.“ Grönland sei offen für stärkere Kooperation – aber nur auf Augenhöhe. Die momentane Lage bedrohe das „Fundament globaler Allianzen“, sagte Nielsen in Nuuk.
Kanada warnt vor Ende der regelbasierten Weltordnung
Der kanadische Premierminister Mark Carney äußerte sich in Davos in seltener Deutlichkeit über den „Verfall des regelbasierten Systems“ und die Instrumentalisierung wirtschaftlicher Abhängigkeiten. „Die Mittelmachtstaaten müssen zusammenhalten – sonst stehen sie bald auf der Speisekarte statt am Verhandlungstisch“, sagte er.
Wirtschaft reagiert nervös – Märkte brechen ein
Die Finanzmärkte reagierten empfindlich: Der Dow-Jones-Index verlor über 700 Punkte, auch europäische Börsen gaben deutlich nach. EZB-Präsidentin Christine Lagarde sprach von einer „neuen Welle zerstörerischer Unsicherheit“, die Handels- und Investitionsentscheidungen auf beiden Seiten des Atlantiks lähme. Europa müsse daraus lernen, unabhängiger zu werden.
Mauritius weist Trump zurück
Auch die Regierung von Mauritius meldete sich zu Wort, nachdem Trump die Rückgabe der Chagos-Inseln durch das Vereinigte Königreich als „Schwächeakt“ bezeichnet hatte. Mauritius erklärte, die Souveränität über die Inselgruppe sei durch internationales Recht längst eindeutig geregelt.
Fazit: Eskalation mit System
Mit dem Versuch, Grönland durch politischen und wirtschaftlichen Druck unter US-Kontrolle zu bringen, forciert Trump erneut eine außenpolitische Konfrontation mit Europa. Das Treffen in Davos zeigt: Die Gräben zwischen den USA und ihren Verbündeten vertiefen sich – und das Vertrauen in gemeinsame Regeln schwindet. Ob das „Board of Peace“ diesen Widerspruch auflösen oder nur weiter befeuern wird, bleibt offen.
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