Während in den USA unter Präsident Trump wieder „Drill, Baby, Drill“ propagiert und Umweltregulierungen zurückgedreht werden, entsteht der Eindruck, dass viele Unternehmen ihre Klimaversprechen lieber für sich behalten. Doch die Realität hinter diesem Trend ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint.
Klimaversprechen? Besser nichts sagen
Schon Anfang des Jahres zog sich eine Reihe großer Banken aus der Net Zero Banking Alliance zurück – einem Bündnis mit dem Ziel, Finanzströme auf Netto-Null-Emissionen auszurichten. Im Oktober wurde die Allianz schließlich aufgelöst.
In der Öffentlichkeit wurde der Eindruck erweckt, der politische Druck aus Washington habe Unternehmen dazu bewegt, ihre Klimaziele stillschweigend zurückzunehmen. Der Begriff „Greenhushing“ – das bewusste Verschweigen ökologischer Ziele – gewann an Aufmerksamkeit.
Doch laut Expert:innen reicht dieses Phänomen weiter zurück. Die Schweizer Klimaberatung South Pole identifizierte bereits 2022 den Trend, dass Unternehmen zwar klimawissenschaftlich fundierte Ziele formulieren, darüber aber öffentlich nicht sprechen – aus Angst vor rechtlichen Risiken oder Reputationsschäden.
In ihrem jüngsten Bericht heißt es: „Unternehmen bewegen sich in einem Spannungsfeld, in dem sie verklagt werden können – sowohl wenn sie zu wenig sagen als auch wenn sie zu viel sagen.“
Angst vor Greenwashing-Vorwürfen
Ein zentraler Grund für das Schweigen vieler Unternehmen: die Angst, des Greenwashings bezichtigt zu werden – also ökologisches Engagement nur vorzutäuschen. Das zeigen etwa Studien von britischen Universitäten, die Hunderte Hotelbetriebe analysierten. Viele davon kommunizieren kaum über ihre Umweltmaßnahmen – nicht, weil sie nichts tun, sondern weil sie unsicher sind, ob ihre Daten stichhaltig sind.
„Wenn ein Hotel nicht genau sagen kann, wie viel Prozent seines Stroms wirklich aus Solarenergie stammt, wird es lieber gar nichts sagen“, erklärt Marketing-Expertin Marta Nieto-Garcia von der Universität Portsmouth.
Politischer Druck in den USA – aber nicht der einzige Faktor
In den USA hat der politische Kurswechsel unter Trump durchaus Auswirkungen. Laut Professor Joshua Hilton von der Grand Valley State University herrscht ein regelrechter Backlash gegen ESG-Richtlinien (Environmental, Social, Governance). Vor allem die uneinheitlichen Regelungen auf Bundes- und Bundesstaatsebene sorgen für Unsicherheit – etwa durch Hunderte Anti-ESG-Gesetze in Staaten wie Texas.
„Unternehmen sehen sich einem Flickenteppich gegenüber“, so Hilton. „Was in Kalifornien erwünscht ist, wird in Texas abgelehnt.“
In Europa stehen derweil neue Regeln bevor – etwa die Green Transition Directive der EU, die strenge Vorgaben gegen Greenwashing enthält und mehr Transparenz über Produktherkunft und Umweltauswirkungen fordert.
Greenhushing: Ein Symptom für Wandel
Doch manche Fachleute sehen im Rückgang öffentlicher Klimaversprechen nicht unbedingt etwas Schlechtes. Die deutsche NGO NewClimate Institute untersuchte 70 internationale Konzerne und stellte fest, dass viele übertriebene Aussagen zu „CO₂-Neutralität“ inzwischen revidiert wurden.
„Früher hat man einfach CO₂-Kompensationen gekauft und behauptet, man sei klimaneutral“, sagt Analyst Thomas Day. „Heute hinterfragen immer mehr Unternehmen diese Praxis – und das ist ein Fortschritt.“
Anstelle von PR-getriebenem Aktionismus rücke nun echte Emissionsreduktion stärker in den Fokus.
Nachhaltigkeit bleibt langfristig ein Thema
Trotz zwischenzeitlicher Funkstille sehen viele Expert:innen den Trend zur Nachhaltigkeit nicht gebrochen, sondern verfestigt. Eine Studie der Harvard University zeigt: Nur 13 % von 75 globalen Unternehmen haben nach der US-Wahl 2024 ihre Klimastrategien zurückgefahren – 32 % haben sie sogar ausgebaut.
Auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Selbst nach Führungswechseln bleiben viele Klimaziele bestehen – besonders kleinere Unternehmen setzen zunehmend eigene Umweltziele.
„Greenhushing ist meist nur eine kurzfristige Strategie“, sagt Prof. Hilton. „Langfristig ergibt es keinen Sinn – weder wirtschaftlich noch reputationsbezogen.“
Denn Konsument:innen achten zunehmend auf Nachhaltigkeit – und Transparenz bleibt ein Schlüsselfaktor für Vertrauen.
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