Kevin Singel schwenkt seine schwarze Plastikpfanne im eiskalten Wasser des South Platte River, kippt sie leicht gegen die Sonne und sucht nach dem verräterischen Glitzern: Goldflitter.
„Da!“, ruft der langjährige Goldsucher und Autor von Prospektoren-Handbüchern. „Diesmal haben wir zwei.“
Die rekordhohen Goldpreise sorgen in den USA für neues Interesse an dem Edelmetall. Während manche Familien angesichts steigender Lebenshaltungskosten Schmuck bei Pfandleihern zu Geld machen, kaufen andere Gold aus Sorge vor Inflation. Auch die US-Regierung hat im vergangenen Jahr Gold im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar erworben. Präsident Donald Trump, der eine Vorliebe für Gold pflegt, hat zudem das Oval Office auffällig mit goldenen Elementen ausgestattet.
Singel hingegen sucht sein Gold lieber selbst. Am South Platte River werden die Goldpartikel aus Lagerstätten hoch in den Rocky Mountains jedes Frühjahr mit der Schneeschmelze talwärts gespült.
An einem kürzlichen Tag, mit Blick auf die Hochhäuser von Denver, fand Singel Flitter um Flitter, die er mit einer Pipette aus seiner Pfanne saugte. Jedes Stück kaum größer als ein Sandkorn – allerdings fast doppelt so schwer wie ein gleich großes Bleikörnchen. An guten Tagen arbeitet er an einer ergiebigeren Stelle nahe eines Skigebiets in Colorado. Nach einem harten Tag mit Schaufeln, Sieben und Waschen bringt ihm das vielleicht 30 Dollar ein.
„Es ist nicht so, dass man einen 10.000-Dollar-Nugget findet. Es ist eher so, als würde man Münzen vom Bürgersteig aufsammeln – irgendwann reicht es für ein Mittagessen“, sagt Singel.
Über die Jahre hat er jedoch Gold im heutigen Wert von mehreren Zehntausend Dollar gesammelt. Einen Teil verkauft er an Touristen, anderes ließ er zu Eheringen für Familienmitglieder verarbeiten. Angesichts der hohen Preise verkaufen sich auch seine Handbücher gut, und die von ihm mitbetreute Goldsucher-Gruppe verzeichnet starken Zulauf. Jeden Monat treten Hunderte neue Mitglieder seiner Facebook-Gruppe bei.
Goldpreis bei über 5.000 Dollar je Unze
Gold kostet derzeit mehr als 5.000 Dollar pro Unze. Vor einem Jahr lag der Preis bei etwa 3.000 Dollar – damals schon doppelt so hoch wie während der Pandemie, als er bei rund 1.600 Dollar notierte.
„Es gibt viele Menschen, deren Eltern oder Großeltern vor 20 Jahren zehn Unzen Gold gekauft haben – und diese zehn Unzen reichen heute für ein Auto“, sagt Singel. Ein Kauf im Wert von rund 5.500 Dollar vor zwei Jahrzehnten wäre heute über 50.000 Dollar wert.
Warum steigt Gold so stark?
Traditionell steigt der Goldpreis, wenn die Aktienmärkte schwächeln, da Investoren Sicherheit in dem Edelmetall suchen, das weltweit in staatlichen Tresoren lagert – etwa in Fort Knox in Kentucky. Ungewöhnlich ist derzeit, dass Goldpreise steigen, obwohl auch die Börsen zulegen.
Trump verweist auf steigende Aktienkurse als Beleg für wirtschaftlichen Erfolg, hat Gold aber zugleich symbolisch zu einem Markenzeichen seiner Präsidentschaft gemacht. Er versprach ein neues „Goldenes Zeitalter“ für die USA und ließ das Weiße Haus mit goldenen Details schmücken: goldene Urnen auf dem Kaminsims im Oval Office, goldene Schriftzüge, goldene Wandverzierungen und sogar Pläne für einen Ballsaal mit goldenen Akzenten.
Während Regierung und Investoren Gold kaufen, nutzen viele Amerikaner die hohen Preise zum Verkauf. In Oklahoma City berichtet der Juwelier George Naifeh von Kunden „aus allen Gesellschaftsschichten“, die Schmuckstücke veräußern. Manche wollen nur den Wert schätzen lassen, andere brauchen dringend Geld.
„Viele haben Schmuck geerbt, ihn in den Safe gelegt und vergessen“, sagt Naifeh. „Jetzt bietet sich die Gelegenheit, ihn zu verkaufen.“
Angst als Treiber
Der frühere Investmentbanker und heutige Finanzprofessor Peter Ricchiuti von der Tulane University erklärt, er verstehe, warum Menschen bei hohen Preisen verkaufen – angesichts steigender Kosten für Lebensmittel, Wohnen und Versicherungen. Warum jedoch viele in unsicheren Zeiten Gold kaufen, sei vor allem psychologisch getrieben.
„Es geht um die Unsicherheit in der Weltwirtschaft“, sagt er. „Es ist ein Angstfaktor.“
Zudem habe der US-Dollar seit Trumps Amtsantritt international an Wert verloren, was Gold für ausländische Käufer günstiger mache. Ricchiuti bleibt skeptisch, ob Gold langfristig eine gute Anlage ist – vergleichbar mit spekulativen Investments wie Bitcoin. Er würde eher in solide börsennotierte Unternehmen investieren.
Hobby mit Suchtfaktor
Zurück am Fluss in Colorado steht Singel in Watstiefeln im kalten Winterlicht. Für ihn ist Goldwaschen mehr als ein Geschäft: Es bedeutet draußen sein, neue Menschen kennenlernen und mit verschiedenen Pfannen und Rinnen experimentieren. Wenn dabei etwas Geld herausspringt – umso besser.
Sein Ablauf ist immer gleich: Kies ausheben, große Steine aussieben, den Rest durch eine Waschrinne laufen lassen, leichtere Bestandteile entfernen, schließlich mit geübten Bewegungen den Sand aus der Pfanne wirbeln, bis nur noch Gold übrig bleibt.
„Da ist schon Gold in deiner Pfanne“, sagt er zu einem Besucher. „Du hast Gold ausgegraben.“
Doch Singel warnt auch: Einen Goldsucher zu fragen, ob er gerade eine besonders ergiebige Stelle gefunden hat, führe oft zu ausweichenden Antworten. Niemand gebe gern zu, reich geworden zu sein – selbst bei Rekordpreisen nicht.
„Man könnte wahrscheinlich mehr verdienen, wenn man bei Wendy’s Burger wendet“, sagt er schmunzelnd, während winzige Goldflitter in seiner Pfanne glänzen. „Aber es ist lukrativer als früher. Vielleicht komme ich heute sogar mit einem kleinen Plus nach Hause.“
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