Die 73-jährige Gisèle Pelicot veröffentlicht mit A Hymn to Life: Shame Has To Change Sides ihre Memoiren über das, was sie selbst „eine Reise aus der Hölle“ nennt: den jahrzehntelangen Verrat ihres Mannes und den Weg zurück ins Leben.
Das „perfekte“ Eheleben – und sein dunkles Geheimnis
Pelicot war über 40 Jahre mit Dominique Pelicot verheiratet. Für Freunde und Familie schien es eine stabile, liebevolle Beziehung zu sein. Doch zwischen etwa 2011 und 2020 verabreichte er ihr heimlich starke Beruhigungs- und Schlafmittel, indem er sie in ihr Essen und Getränke mischte. Während sie bewusstlos war, nutzte er sie sexuell und lud über Online-Foren Dutzende von Männern in ihr Haus in Mazan im Süden Frankreichs ein, die sie ebenfalls missbrauchten – ohne dass sie etwas davon wusste.
Das Auffliegen – und der öffentliche Prozess
Erst im September 2020 wurde der Skandal entdeckt, nachdem Dominique bei einer anderen Straftat auffiel und die Polizei begann, sein Gerät zu durchsuchen. Die erschütternden Videos und Nachrichten führten zu seiner Verhaftung.
Im Jahr 2024 begann in Avignon ein öffentlicher Prozess, den Pelicot ausdrücklich wünschte – obwohl in Frankreich üblich ist, Rape-Verfahren hinter verschlossenen Türen zu führen. Erklärtes Ziel war es, das Thema nicht zu verschweigen, sondern zu zeigen, wie tief „chemische Submission“ und die systematische Missachtung von Einwilligung reichen können.
Alle Angeklagten – darunter Dominique Pelicot selbst – wurden wegen Vergewaltigung, versuchter Vergewaltigung oder sexueller Gewalt verurteilt. Dominique erhielt die Höchststrafe von 20 Jahren Haft; andere Täter wurden zu Jahren Haft verurteilt.
Warum sie öffentlich sprach
Pelicot verzichtete bewusst auf Anonymität – ein Schritt, der weltweit Beachtung fand und ihr unzählige Briefe von ähnlich Betroffenen einbrachte, von Teenagern bis zu Frauen über 80 aus aller Welt. Sie wollte nicht länger, dass Scham bei den Opfern liegt, sondern den Blick auf Täter, Gesellschaft und Justiz lenken.
Sie ist sich bewusst, wie „normal“ das Umfeld ihres Ehemanns erschien – er galt als hilfsbereit und beliebt. Gerade das machte den Verrat so erschreckend, sagt sie: Das Böse versteckt sich oft hinter dem Alltäglichen.
Ein neues Leben – und ein größeres Ziel
In ihren Memoiren reflektiert Pelicot nicht nur die traumatischen Jahre und den Prozess, sondern auch ihr Leben nach dem Schrecken. Nach der Scheidung fand sie eine neue Liebe mit Jean-Loup, und heute lebt sie erfüllt, genießt kleine Freuden wie lange Spaziergänge am Meer und tanzt wieder im Alltag.
Sie betont, dass sie sich nicht als bloßes Opfer sieht: „Ich wollte, dass meine Geschichte anderen hilft, Stärke zu finden und sich nicht zu schämen“, schreibt sie. Mit ihrem Mut hat sie nicht nur persönliche Heilung gesucht, sondern auch einen gesellschaftlichen Diskurs angestoßen – über Einwilligung, Übergriffe und die Bedeutung von Mut in einer Welt, die allzu oft schweigt.
Rechtliche und gesellschaftliche Auswirkungen
Der Fall hatte auch rechtliche Folgen: Frankreich führte Ende 2025 eine Reform ein, die sexuelle Gewalt explizit am Prinzip der freiwilligen Einwilligung ausrichtet – ein Schritt, der schon lange von Aktivist*innen gefordert wurde.
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