Venezuela ist im Aufbruch – zumindest offiziell. Nachdem Ex-Präsident Nicolás Maduro spektakulär aus dem Amt (und aus dem Land) entfernt und in einem US-Hubschrauber nach New York verfrachtet wurde, regiert nun Delcy Rodríguez als „amtierende Präsidentin“. Eingesetzt mit US-Unterstützung, aber offenbar nicht mehr nach Washingtons Pfeife tanzend.
Denn Rodríguez hat genug. Genug von Forderungen aus dem Weißen Haus, genug von Ultimaten, genug vom Dauertelefonat mit Donald Trump. „Genug mit Washingtons Befehlen an venezolanische Politiker“, sagte sie bei einem Auftritt vor Öl-Arbeitern. Aufgezeichnet vom Staatsfernsehen, das jetzt wieder richtig etwas zu senden hat – ohne Maduro, aber mit Pathos.
Eine kleine Frage am Rande: Gefällt das eigentlich Donald Trump?
Trump, der sich kurz nach Maduros Abtransport noch brüstete, „die Kontrolle über Venezuela“ zu übernehmen, hatte Rodríguez zunächst als „tolle Person“ bezeichnet – was bei Trump ungefähr das diplomatische Äquivalent zu einem Schulterklopfen mit Handschlag ist. Doch jetzt, wo sie nicht mehr jeden Wunschzettel aus Mar-a-Lago blind unterschreibt, dürften sich bei ihm die Gesichtszüge versteinern. Hat sie etwa vergessen, wer sie groß gemacht hat?
Öl gegen Gehorsam – oder war das nicht der Deal?
Rodríguez ließ wissen, Venezuela sei „nicht bereit, sich den Vereinigten Staaten zu unterwerfen“, wolle aber dennoch respektvolle Beziehungen. Klingt verdächtig nach Eigenständigkeit – und die ist bekanntlich keine Trump’sche Lieblingsdisziplin, wenn es um Länder geht, die Öl haben. Denn seien wir ehrlich: Washingtons Interesse an Venezuela ist ungefähr so humanitär wie eine Fast-Food-Kette an veganem Lebensstil.
Die USA wollen klare Verhältnisse:
✔ keine Deals mehr mit China,
✔ kein Flirten mit Russland,
✔ keine WhatsApp-Nachrichten mehr an Kuba,
✔ und das Öl, bitte schön, nur noch exklusiv für Uncle Sam.
Rodríguez hingegen macht klar: Venezuela ist bereit zur Zusammenarbeit – aber nicht zur Unterwerfung. Ein feiner Unterschied, den man in Florida vielleicht erst nach der dritten Golf-Runde versteht.
Ein politischer Spagat in Caracas – und das ohne Netz
Die neue Präsidentin versucht das Unmögliche: Die einen feiern sie als Hoffnungsträgerin, die anderen sehen in ihr eine Marionette im neuen Kostüm. Zwischen dem Erbe Chávez’, den Narben Maduros und der Erwartung Trumps laviert Rodríguez auf einem Drahtseil ohne Sicherheitsnetz.
Und das alles, während 266 politische Gefangene in Rekordzeit freigelassen wurden – was Trump natürlich sofort als „humanitären Durchbruch“ verbuchte. Noch bevor jemand in Caracas überhaupt „Amnestie“ buchstabieren konnte, hatte der Ex-Präsident schon das Copyright auf die Aktion beansprucht.
Fazit: Venezuela will Respekt – Trump will Kontrolle
Rodríguez sagt, Venezuela wolle „respektvolle Beziehungen auf Augenhöhe“. Klingt gut. Aber gefällt das auch Donald Trump?
Eher nicht.
Denn wenn Lateinamerika eines nicht darf, dann zu laut „Nein“ sagen – zumindest nicht, solange in Washington jemand sitzt, der sich an jedem internationalen Ego-Kratzer verschluckt.
Bleibt also die Frage:
Wie viel Eigenständigkeit darf Venezuela sich leisten, bevor der nächste Tweet mit Drohkulisse kommt?
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