Ein Jahr nach seiner Amtseinführung steht Premierminister François Bayrou bereits vor dem politischen Scherbenhaufen seiner Karriere. Am Montag will er in der Nationalversammlung die Vertrauensfrage stellen – ein symbolischer Akt der Verzweiflung, der kaum mehr ist als der formelle Countdown zum Sturz einer Regierung, die nie wirklich regiert hat.
Bayrou, der selbsternannte Retter der französischen Finanzen, hat sein Kabinett in eine Sackgasse manövriert, aus der nur noch der Rücktritt führt. Sein Versuch, Frankreich mit der Axt durch ein Defizit von 5,8 Prozent zu prügeln, ist krachend gescheitert. Der Vorschlag, zwei Feiertage zu streichen und Sozialleistungen einzufrieren, wäre selbst in wirtschaftlichen Boomzeiten politisch unklug – in einem Land, das wirtschaftlich schwächelt und sozial brodelt, ist er brandgefährlich.
Dass Bayrou dieses Sparprogramm ausgerechnet mit dem Slogan „Verantwortung statt Chaos“ verteidigt, mutet zynisch an. Denn das Chaos hat längst begonnen – auf den Straßen, in den Gewerkschaften, im Parlament. Für Mittwoch ist ein Generalstreik angesetzt, und auch die letzte Illusion von Stabilität ist längst verflogen.
Macrons siebter Fehlgriff
Mit dem drohenden Sturz Bayrous steht auch Präsident Emmanuel Macron erneut blamiert da: Seit seinem Amtsantritt 2017 musste er sechs Premierminister*innen verschleißen – Bayrou wäre der siebte. Es wirkt inzwischen wie ein politisches Casting ohne Gewinner. Macron, einst als Hoffnungsträger gefeiert, scheint das Land nicht mehr zu führen, sondern nur noch zu verwalten.
Neuwahlen lehnt der Präsident ab – vermutlich aus Angst vor dem Urteil des Volkes. Denn dort, wo früher ein bürgerliches Zentrum war, wuchern längst die Extreme. Linksradikale und Rechtspopulisten stehen bereit, das Vakuum zu füllen. Marine Le Pen wittert Morgenluft und verlangt Wahlen, als wäre sie schon auf dem Weg zur Macht.
Politisches Harakiri als letzte Show
Bayrous Inszenierung der Vertrauensfrage ist ein Akt politischen Harakiris – aber ohne Würde. Der konservative Justizminister Gérald Darmanin oder Verteidigungsminister Sébastien Lecornu gelten bereits als Nachfolger. Doch wer den Posten auch übernimmt: Es wird wieder nur eine schwache Minderheitsregierung sein, die Gesetze auf wackeligen Allianzen zusammenzimmern muss.
Dass Bayrou seine gescheiterte Regierungszeit nun zur Plattform für eine mögliche Präsidentschaftskandidatur 2027 umdeuten will, grenzt an Selbstüberschätzung. Der Mann, der gerade einmal 14 Prozent Zustimmung in den Umfragen hat – den niedrigsten Wert, den ein Premier je in Frankreich erreicht hat – träumt vom höchsten Amt im Staat. Auch Macron dümpelt mit 15 Prozent am Boden. Vertrauen sieht anders aus.
Ein Phoenix, der nie abhebt
Bayrou hofft laut Politico, dass sein Rücktritt als heroischer Akt wahrgenommen wird – ein „Phoenix aus der Asche“-Moment. Doch was hier brennt, ist nicht die politische Leidenschaft, sondern ein ganzes System, das weder Reformen noch Wandel mehr hervorbringt.
Frankreich braucht keine Männer, die sich selbst inszenieren, sondern eine Politik, die endlich wieder handlungsfähig ist. Wenn Bayrou geht, wird das Land nicht ruhiger – aber vielleicht ehrlicher. Denn dann wäre endlich Schluss mit dem Mythos der Mitte, die längst keine mehr ist.
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