Deutschland steht vor einem strukturellen Problem: Es fehlen Arbeitskräfte – und zwar quer durch nahezu alle Branchen. Während die geburtenstarken Jahrgänge nach und nach in Rente gehen, rücken zu wenige junge Menschen nach. Die Folge: Unternehmen suchen händeringend nach Personal. Eine Antwort darauf kommt zunehmend aus dem Ausland – insbesondere aus Indien.
Der Ausgangspunkt für diese Entwicklung war mitunter unscheinbar. Ein E-Mail aus Indien, eingegangen im Jahr 2021 bei der Handwerkskammer Freiburg, brachte den Stein ins Rollen. Darin bot eine Vermittlungsagentur junge, motivierte Menschen für Ausbildungsplätze in Deutschland an. Für viele Betriebe kam das Angebot zur richtigen Zeit.
„Wir hatten verzweifelte Arbeitgeber, die niemanden mehr fanden“, erinnert sich Handirk von Ungern-Sternberg, damals bei der Kammer tätig. Besonders betroffen war das Fleischerhandwerk – eine Branche im Niedergang. Von einst rund 19.000 Betrieben im Jahr 2002 sind heute weniger als 11.000 übrig. Nachwuchs? Kaum vorhanden.
Die Lösung: Nachwuchskräfte aus Indien. 13 junge Menschen reisten 2022 nach Deutschland, um eine Ausbildung zu beginnen. Heute sind es rund 200, die in Metzgereien arbeiten – und es werden mehr.
Deutschland braucht laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung jährlich rund 288.000 zusätzliche Arbeitskräfte aus dem Ausland, um den demografischen Wandel auszugleichen. Andernfalls könnte die Erwerbsbevölkerung bis 2040 um bis zu zehn Prozent schrumpfen.
Gleichzeitig bietet Indien ein enormes Potenzial. Rund 600 Millionen Menschen sind dort jünger als 25 Jahre. Doch nur ein Bruchteil findet jährlich Zugang zum Arbeitsmarkt. „Es gibt einen enormen Überschuss an Arbeitskräften“, sagt Aditi Banerjee von der Vermittlungsagentur Magic Billion.
Inzwischen hat sich aus ersten Pilotprojekten ein regelrechter Arbeitsmarkt entwickelt. Neue Agenturen wie „India Works“ bringen gezielt junge Inder nach Deutschland – nicht nur in Metzgereien, sondern auch in Bäckereien, im Baugewerbe oder in der Logistik. Allein in diesem Jahr sollen rund 775 Auszubildende vermittelt werden.
Politisch wird dieser Trend unterstützt. Seit einem Migrationsabkommen zwischen Deutschland und Indien im Jahr 2022 ist es einfacher geworden, Fachkräfte anzuwerben. Zudem wurde die Zahl der Arbeitsvisa für Inder deutlich erhöht – von 20.000 auf 90.000 pro Jahr. Die Zahl der indischen Beschäftigten in Deutschland ist entsprechend stark gestiegen.
Für viele der jungen Menschen ist der Schritt nach Europa vor allem eine wirtschaftliche Entscheidung. Höhere Löhne, bessere soziale Absicherung und die Möglichkeit, ihre Familien zu unterstützen, sind zentrale Motive. Gleichzeitig nehmen sie Herausforderungen in Kauf: Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede und teils harte Arbeitsbedingungen.
Für deutsche Betriebe hingegen geht es ums Überleben. „Ohne die jungen Leute aus Indien gäbe es mein Geschäft nicht mehr“, sagt ein Metzger aus dem Südwesten.
Auch Kommunen reagieren. Selbst für Berufe wie Erzieher wird inzwischen im Ausland gesucht. „Wir haben überall gesucht – ohne Erfolg“, sagt eine Bürgermeisterin aus Baden-Württemberg. „Wir müssen ins Ausland schauen. Es ist die einzige Möglichkeit.“
Deutschland wird sich also verändern müssen – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich. Denn der Fachkräftemangel lässt sich längst nicht mehr allein im Inland lösen.
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