Telefonbetrug gehört seit Jahren zu den häufigsten Kriminalitätsformen in Deutschland. Nun setzen Betrüger verstärkt auf moderne Technik: In Oberfranken ist erstmals ein Fall bekannt geworden, bei dem Künstliche Intelligenz (KI) genutzt wurde, um eine Stimme täuschend echt nachzuahmen. Die Polizei spricht von einer neuen Dimension des sogenannten Enkeltricks und gibt konkrete Verhaltenstipps.
Anruf mit Schockgeschichte
Es war ein Freitagnachmittag, als bei der 82-jährigen Rosi Hartmann aus Lichtenfels das Telefon klingelte. Auf dem Display erschien eine unterdrückte Nummer – nichts Ungewöhnliches für sie, da auch ihre Tochter manchmal auf diese Weise anrufe. Doch am anderen Ende meldete sich vermeintlich ihre Tochter mit einer Schocknachricht: Sie habe einen schweren Unfall verursacht.
„Es war hundertprozentig die Stimme meiner Tochter“, erinnert sich Hartmann im Gespräch mit BR24. Die Stimme wirkte aufgewühlt und weinte. Kurz darauf übernahm eine angebliche Polizistin das Gespräch. Sie erklärte der Seniorin, ihre Tochter komme ins Gefängnis, wenn nicht sofort 45.000 Euro gezahlt würden.
Geistesgegenwart verhindert Betrug
Rosi Hartmann wurde misstrauisch. „Und woher weiß ich, dass ich Ihnen vertrauen kann? Da ruf’ ich jetzt lieber erst einmal die Polizei an“, entgegnete sie der falschen Beamtin. Diese legte daraufhin sofort auf.
Doch die Geschichte war damit nicht vorbei: Kurz darauf erhielt einer ihrer Söhne ebenfalls einen Anruf – diesmal angeblich von seiner Nichte. Auch er durchschaute den Betrug, nicht zuletzt wegen einer auffälligen Panne: Die angebliche Polizistin sprach von „Kohrburg“ statt Coburg.
Herkunft der Stimmen?
Im Nachhinein vermutet die Familie, dass die Stimmen mithilfe von KI nachgeahmt wurden. „Meine Schwester verschickt oft Sprachnachrichten, und meine Nichte ist gerne auf Social Media unterwegs“, erklärt Jörg Hartmann. Dadurch könnten Betrüger leicht an Sprachproben gekommen sein, um die Stimmen künstlich zu klonen.
Polizei bestätigt ersten Fall mit KI
Die Hartmanns meldeten den Vorfall umgehend der echten Polizei. „Das war der erste Enkeltrick-KI-Fall in Oberfranken“, bestätigt Christian Raithel von der Pressestelle der Polizei. Für ihn ist der Fall ein deutlicher Hinweis, dass Kriminelle ihre Methoden technisch immer weiterentwickeln.
Tipps der Polizei
Um nicht Opfer solcher Betrugsversuche zu werden, empfiehlt die Polizei:
-
Codewörter vereinbaren: Familien können ein Passwort oder Kennwort absprechen, das im Notfall genannt werden muss.
-
Gezielte Rückfragen stellen: Intime Fragen, die nur der echte Angehörige beantworten kann, helfen, Betrüger zu entlarven.
-
Telefonbuch-Einträge löschen: Besonders Senioren sollten ihre Kontaktdaten nicht öffentlich zugänglich machen.
-
Sofort die Polizei anrufen: Wer unsicher ist, sollte nicht zögern, die 110 zu wählen und sich beraten zu lassen.
Neue Qualität des Betrugs
Die Kombination aus traditionellem Enkeltrick und moderner KI-Technologie macht den Betrug besonders gefährlich. Während früher falsche Tränen oder Schauspielerei schnell Zweifel hervorriefen, können heute täuschend echte Stimmimitationen die Opfer viel leichter überzeugen. Die Polizei mahnt deshalb, bei unerwarteten Schockanrufen grundsätzlich misstrauisch zu sein.
Kommentar hinterlassen