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Entführung, Gewalt, Geheimdienste – Der Fall Block sprengt alle Grenzen Ein Überblick über den wohl spektakulärsten Sorgerechtsprozess Deutschlands

AJEL / Pixabay
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Eine zerbrochene Ehe, ein erbitterter Sorgerechtsstreit, internationale Sicherheitsfirmen, ein ehemaliger BND-Chef, eine brutale Entführung – der Prozess rund um Christina Block, Erbin der gleichnamigen Steakhaus-Dynastie, liest sich wie ein Drehbuch für einen Thriller. Doch die Geschichte ist real. Und sie beschäftigt nicht nur die Justiz, sondern auch die Medien und die Öffentlichkeit seit Monaten.

Der Fall Block ist mehr als ein Familiendrama – er ist eine Mischung aus juristischem Grenzfall, psychologischem Albtraum und gesellschaftlichem Spiegelbild. Wer hat hier wen manipuliert? Wer ist Täter, wer Opfer – und wer am Ende beides?

Der Auslöser: Ein Sommer, der alles veränderte

Im Sommer 2021 beginnt die Eskalation: Die Kinder Theodor und Klara besuchen wie gewohnt ihren Vater Stefan Hensel in Dänemark. Doch nach dem Urlaub kehren sie nicht zurück. Stattdessen informiert Hensel seine Ex-Frau Christina Block lediglich per Mail – die Kinder bleiben bei ihm.

Ein juristisches Hin und Her beginnt. Während ein Hamburger Gericht Block zunächst das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht zuspricht, erkennt Dänemark diese Entscheidung nicht an – das Land hat die Brüssel-IIb-Verordnung nicht unterzeichnet, die EU-weite Standards für Sorgerechtsfragen regelt. Die dänischen Behörden entscheiden: Die Kinder bleiben bei ihrem Vater – das Kindeswohl stehe über allem.

Die Silvesternacht 2023 – Eine brutale Entführung

Was folgt, ist ein Moment, der alles überschattet: In der Silvesternacht 2023 werden Theodor und Klara am Hafen in Dänemark entführt. Acht maskierte Täter überfallen Hensel und seine Kinder. Der Vater wird laut Anklage brutal niedergeschlagen, gefesselt und mit dem Tod bedroht. Die Kinder, panisch schreiend, werden in Fahrzeuge gezerrt, durchqueren zu Fuß einen Wald, um schließlich in einem Wohnmobil in Richtung Deutschland zu fliehen.

Nur wenige Tage später tauchen sie auf dem Hamburger Anwesen von Christina Block auf. Doch die „Rückkehr zur Mutter“ währt nur kurz – ein Gericht entscheidet: Die Kinder müssen zurück nach Dänemark.

Wer steckt hinter der Entführung?

Die Ermittlungen führen zu einer israelischen Sicherheitsfirma namens Cyber Cupula. Deren Mitarbeiter Tal S., der mittlerweile auf der Anklagebank sitzt, hat die Tat teilweise gestanden – inklusive Gewaltausübung und Entführung. Er beruft sich auf ein „falsches Bild“ der Situation: Ihm sei von einer verzweifelten Mutter und einem „gefährlichen Vater“ erzählt worden. Dennoch bleibt ungeklärt, wer den Auftrag erteilt und bezahlt hat.

Christina Block streitet jede Beteiligung ab. Sie spricht von einem „emotionalen Ausnahmezustand“ und gibt zu, mit mehreren Firmen über gewaltfreie Rückführungen gesprochen zu haben – darunter mit Ideen wie einem Helikopter oder einer falschen Lehrerin. Doch sei sie nie über eine legale Grenze hinausgegangen.

Geheimdienstkontakte und alte Männer

Ein neuer Verdacht trifft August Hanning, früherer Präsident des Bundesnachrichtendienstes. Er soll an einem gescheiterten Entführungsversuch 2022 beteiligt gewesen sein – gemeinsam mit einem Ex-LKA-Beamten. Beide sollen für ihre Dienste hohe Summen erhalten haben. Auch sie bestreiten die Vorwürfe.

Brisant ist zudem die Rolle der Großmutter Christa Block, die angeblich vor ihrem Tod noch 120.000 Euro für eine „Rettung“ der Kinder bereitgestellt haben soll. Die Verteidigung spielt mit dieser Theorie, doch Beweise fehlen bislang.

Falsche Verdächtigungen – Der Tiefpunkt des Dramas

Ein weiteres dunkles Kapitel des Prozesses sind gezielte Pädophilie-Vorwürfe gegen Stefan Hensel. Block und Cyber Cupula sollen diese mit gefälschten Informationen und manipulierten Mails bei der Polizei platziert haben. Die Ermittlungen wurden schnell eingestellt – nun steht Block selbst unter Verdacht wegen falscher Verdächtigung.

Die Kinder – Opfer eines zerstörerischen Krieges

Theodor und Klara leben mittlerweile an einem unbekannten Ort in Dänemark – unter neuem Namen, im Rahmen eines Opferschutzprogramms. Die emotionale Belastung, die sie durchleben mussten, ist kaum vorstellbar. Ihre Aussagen vor Gericht blieben bisher aus, aus juristischen Gründen. Besonders Klara hatte ihre Bereitschaft erklärt – doch die Rolle ihres Vaters als rechtlicher Vertreter verhinderte eine Vernehmung.

Ausblick: Ein langer Weg zur Wahrheit

Der Prozess ist bis März 2026 angesetzt, doch schon jetzt ist klar: Dieses Verfahren wird Geschichte schreiben. Anklage, Verteidigung und Öffentlichkeit durchforsten ein Dickicht aus privaten Abgründen, juristischen Lücken, emotionaler Verzweiflung – und einer Eskalation, wie man sie selten erlebt.

Am kommenden Prozesstag werden psychologische Gutachten zu den Kindern erwartet – sowie eine Fortsetzung der Aussage von Stefan Hensel. Ob Christina Block erneut sprechen wird, ist offen. Ebenso, ob weitere Angeklagte – darunter Block-Vertraute und ihr Lebensgefährte Gerhard Delling – sich äußern oder von ihrem Schweigerecht Gebrauch machen.

Fest steht: Was als Sorgerechtsstreit begann, hat sich zu einem internationalen Kriminalfall ausgeweitet. Mit Spionage, Gewalt, Fake-Vorwürfen – und zwei Kindern, die all das ertragen mussten.

Ein Prozess, der zeigt: Selbst unter dem Deckmantel der Familie können sich Abgründe auftun, die fassungslos machen.

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