Die Spannungen zwischen Bundesbehörden und lokalen Behörden im US-Bundesstaat Minnesota eskalieren weiter. Im Mittelpunkt der Empörung: die Inhaftierung eines fünfjährigen Kindes durch Beamte der Einwanderungsbehörde ICE. Der Fall erschüttert die Region – und zieht nun auch politische Prominenz an: Vizepräsident J.D. Vance reist am Donnerstag nach Minneapolis, um sich vor Ort ein Bild zu machen.
Fünfjähriger als „Lockvogel“ eingesetzt?
Der Vorfall ereignete sich am 20. Januar in Columbia Heights, einem Vorort von Minneapolis. Dort wurden der fünfjährige Liam Conejo Ramos und sein Vater von ICE-Beamten direkt vor dem eigenen Haus festgenommen – laut Angaben des örtlichen Schulbezirks in der Einfahrt, unmittelbar nach dem Schulbesuch. Besonders brisant: Die Beamten ließen den Jungen an der Haustür klopfen, „um zu sehen, ob sich noch weitere Personen im Haus befinden“ – ein Vorgehen, das von Kritikern als Missbrauch des Kindes zu Ermittlungstaktiken gewertet wird.
„Im Grunde wurde ein Kind als Köder benutzt“, heißt es in einer Stellungnahme der Columbia Heights Public Schools.
Ein Foto, das den kleinen Liam neben einem bewaffneten ICE-Beamten zeigt, ging viral und sorgte landesweit für Entsetzen.
ICE verteidigt Vorgehen – Vater soll geflüchtet sein
Das US-Heimatschutzministerium (DHS) rechtfertigte den Einsatz als „gezielte Maßnahme“, bei der es ausschließlich um die Festnahme des Vaters, eines mutmaßlich illegal eingereisten Ecuadorianers, gegangen sei. Liam sei nicht Ziel der Aktion gewesen. Ein Sprecher warf dem Vater vor, vor den Beamten geflohen und sein Kind dabei „zurückgelassen“ zu haben.
Dennoch mehren sich die Berichte über weitere Fälle: Laut Schulbehörde wurden in den letzten zwei Wochen mindestens vier minderjährige Schüler in Columbia Heights festgenommen, teils direkt auf dem Schulweg, teils beim Verlassen der Wohnung.
Politische und juristische Konsequenzen
Die Inhaftierung Minderjähriger durch Bundesbeamte, oftmals ohne richterlichen Durchsuchungsbefehl, hat eine Protestwelle in Minnesota ausgelöst. Allein in den letzten Tagen kam es zu mehreren Demonstrationen, auch an Kirchen und Schulen. Der Schulbezirk sprach von einem „massiven Vertrauensbruch“ und einer „erschütterten Gemeinschaft“.
Lokale und bundesstaatliche Politiker haben Klagen gegen die Regierung eingereicht, darunter auch Gouverneur Tim Walz und Bürgermeister Jacob Frey. Beide erhielten diese Woche Vorladungen von Bundesbehörden.
Unterdessen kündigte das Justizministerium (DOJ) eigene Ermittlungen an – jedoch nicht gegen ICE, sondern gegen Demonstranten, die eine Kirchengemeinde in St. Paul gestört haben sollen. Zwei Aktivistinnen wurden bereits festgenommen.
Vizepräsident Vance: Zwischen Deeskalation und Härte
Vizepräsident J.D. Vance, der als Architekt der verschärften Einwanderungspolitik der Trump-Regierung gilt, erklärte vor seinem Abflug nach Minnesota, er wolle die Lage „beruhigen“ und Gespräche führen. Gleichzeitig kritisierte er die mangelnde Kooperation der lokalen Behörden scharf und kündigte weitere Festnahmen von Demonstrierenden an.
„Wir werden unsere Einsatzkräfte nicht im Stich lassen“, sagte Vance. „Wir tun nicht, was die letzte Regierung getan hat – sie unter den Bus werfen, nur um linken Aktivisten zu gefallen.“
ICE ohne richterliche Anordnungen aktiv
Besonders umstritten ist der Umstand, dass viele Hausdurchsuchungen durch ICE mit sogenannten administrativen Haftbefehlen erfolgen – diese müssen lediglich von ICE-internen Stellen unterzeichnet werden und benötigen keine richterliche Genehmigung. Bürgerrechtler sprechen von verfassungswidrigem Vorgehen. ICE hingegen betont, man handle „gesetzeskonform und im Rahmen der Befugnisse“.
Ein internes Memo, das mehreren US-Medien vorliegt, zeigt jedoch, dass Beamte explizit zum Einsatz von Gewalt beim Betreten von Wohnungen autorisiert wurden.
Minnesota im Ausnahmezustand
Seit dem tödlichen Vorfall am 5. Januar, bei dem eine 37-jährige Frau namens Renee Nicole Good bei einer ICE-Razzia erschossen wurde, steht Minnesota im Zentrum einer nationalen Debatte. Täglich finden Proteste statt. Ein bundesweites Aktionsbündnis ruft für Freitag zum „Tag des Stillstands“ auf: kein Schulbesuch, kein Einkauf, keine Arbeit – dafür eine große Demonstration in der Innenstadt von Minneapolis.
Fazit: Eskalation mit Signalwirkung
Was in Minnesota geschieht, ist längst mehr als ein lokaler Konflikt. Es ist ein Symbol für den tiefen Riss zwischen föderaler Macht und lokalem Widerstand, zwischen Abschreckungspolitik und Menschlichkeit. Die kommenden Tage – und die Reaktionen aus Washington – dürften wegweisend für die künftige US-Einwanderungspolitik sein.
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