Startseite Allgemeines Einst als kitschig verspottet – dieses koreanische Musikgenre erlebt jetzt ein Comeback
Allgemeines

Einst als kitschig verspottet – dieses koreanische Musikgenre erlebt jetzt ein Comeback

AberrantRealities (CC0), Pixabay
Teilen

Das traditionelle südkoreanische Musikgenre verdankt seinen Namen dem amerikanischen „Foxtrott“, mit dem es den charakteristischen Zweivierteltakt teilt. Über Jahrzehnte hinweg dominierte Trot die Musikszene des Landes und brachte die ersten großen Popstars Koreas hervor. Mit dem globalen Aufstieg von K-Pop geriet das Genre jedoch zunehmend ins Abseits – vielen Jüngeren galt es als altmodisch oder gar peinlich.

Nun sorgt Trot überraschend wieder für Schlagzeilen – und zwar dank sozialer Medien und Künstlicher Intelligenz.

KI verpasst K-Pop einen Trot-Anstrich

Immer mehr koreanische Content Creator nutzen generative KI, um bekannte K-Pop-Hits in eingängige Trot-Versionen zu verwandeln. Dazu werden KI-generierte Bilder von Idolen in glitzernden Anzügen und mit toupierten Frisuren kombiniert – eine Hommage an das ikonische Erscheinungsbild klassischer Trot-Sänger.

Die Clips erzielen auf Plattformen wie Instagram, Line oder YouTube Hunderttausende Aufrufe.

Doch nicht alle sind begeistert. Kritiker warnen vor möglichen Urheberrechtsproblemen und bezweifeln die künstlerische Substanz des Trends. Manche sehen darin eher ein technisches Spiel mit KI als eine echte Wiederentdeckung des Genres.

Musik voller „Han“

Trot entstand in den 1930er-Jahren während der japanischen Kolonialzeit. Es verbindet koreanische Volksmusik mit Einflüssen aus dem japanischen Enka und westlichen Musikstilen wie Jazz.

Thematisch ist Trot stark von „Han“ geprägt – einem tief verwurzelten Gefühl aus Trauer, Sehnsucht und Resignation, das eng mit der koreanischen Geschichte verbunden ist. Viele Lieder handeln von Liebe, Trennung oder Heimweh.

Musikalisch zeichnet sich Trot durch Moll-Tonarten, starkes Vibrato und die Gesangstechnik „Kkeokgi“ aus, bei der Töne bewusst gebrochen werden, um Emotionen zu verstärken.

In den 1960er- und 70er-Jahren erlebte das Genre seine Blütezeit. Sänger wie Nam Jin und Na Hoon-A wurden zu regelrechten Idolen. Ihre Rivalität spaltete Fans – nicht nur auf der Bühne, sondern auch im echten Leben.

Zwischen Nostalgie und Neustart

Mit dem Siegeszug von K-Pop schien Trot lange Zeit in der Vergangenheit gefangen. Das Stammpublikum bestand vor allem aus älteren Generationen.

In den letzten Jahren kam es jedoch zu einer vorsichtigen Wiederbelebung – vor allem durch TV-Castingshows, bei denen Tausende Nachwuchssänger um Ruhm konkurrieren.

Der bekannteste Vertreter dieser neuen Generation ist der 34-jährige Lim Young-woong. 2020 gewann er eine Trot-Castingshow gegen 17.000 Mitbewerber. Seitdem ist er ein Star. 2024 gab er Solokonzerte im World Cup Stadium in Seoul – eine Bühne, die sonst internationalen K-Pop-Größen wie Big Bang oder Seventeen vorbehalten ist.

Seine Musik verbindet Trot mit Elementen aus Ballade und Pop-Rock und klingt moderner und weicher als die klassische Variante.

Dennoch zweifeln Experten daran, ob junge Künstler dem emotional schweren Genre wirklich gerecht werden – und ob sie es dauerhaft in den Mainstream zurückführen können.

KI als Brücke zur jungen Generation?

Hier kommt die KI ins Spiel. Durch die Verschmelzung von K-Pop und Trot erreicht das Genre plötzlich auch jüngere Zielgruppen, die es als erfrischende Alternative zum hochpolierten K-Pop-Sound erleben.

„Unsere Mütter würden durchdrehen“, kommentierte ein Nutzer unter einer viralen Trot-Version eines Hip-Hop-Songs.

Manche dieser Remixe stammen von Fans selbst. Der 29-jährige Kim Ji-hoon betreibt einen YouTube- und Instagram-Kanal mit KI-generierten Trot-Clips. Er wolle damit „verborgene Schätze im K-Pop ins Rampenlicht rücken“, sagt er. Monetarisieren wolle er die Videos nicht – und bei rechtlichen Problemen würde er sie löschen.

Kurzlebiger Trend oder neue Wertschätzung?

Viele Fachleute glauben, dass der KI-Trot-Hype vor allem aus technischer Neugier entsteht – weniger aus echter Begeisterung für das Genre.

„Die Leute genießen nicht wirklich Trot“, meint Musikkritiker Jung Minjae. „Sie spielen eher mit der neuen Technologie.“

Doch bei einigen hat der Trend ein Umdenken ausgelöst. Ein YouTuber, der sich früher über Trot lustig machte, sagt heute: „Trot ist nicht einfach kitschig oder altmodisch. Seine Texte und Melodien sind tief mit der koreanischen Erfahrung verbunden. Es ist vielleicht das einzige moderne Genre, das die Umbrüche des 20. Jahrhunderts überlebt hat.“

Ob Trot wieder dauerhaft an Popularität gewinnt oder als respektierter, aber begrenzter „Klassiker des K-Pop“ bestehen bleibt, ist offen.

Fest steht: Totgesagte tanzen länger – manchmal sogar im Zweivierteltakt.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Griechenland erhält aufgetauchte Fotos von NS-Erschießungen in Kaisariani zurück

Mehr als 80 Jahre nach den Massenerschießungen von 200 Kommunisten am 1....

Allgemeines

Tödliche Explosionen in Lwiw – Behörden ermitteln wegen Terrorverdachts

Tödliche Explosionen in Lwiw – Behörden ermitteln wegen Terrorverdachts In der westukrainischen...

Allgemeines

Gisèle Pelicot – vom Opfer zur Stimme der Hoffnung

Die 73-jährige Gisèle Pelicot veröffentlicht mit A Hymn to Life: Shame Has...

Allgemeines

Abschiebungsandrohung ins Herkunftsland trotz Schutzstatus in anderem EU-Staat zulässig

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat entschieden, dass Ausländern, denen in einem anderen...